75 Jahre "Alpengruß" Schwabmünchen

zum Jubiläum eines Trachtenvereins ( 22. 09. bis 20. 10. 1996 )

Plakatmotiv 75 Jahre Alpengruß
 

Der Heimat- und Volkstrachtenverein "Alpengruß" Schwabmünchen, der sich ursprünglich als "Gebirgstrachten-Erhaltungsverein" formierte, feierte 1996 sein 75jähriges Jubiläum.

 

Die Ausstellung zeigte die wichtigsten Stationen in der Geschichte des Vereins seit seiner Gründung im Jahre 1921 bis in die heutigen Tage.

Mit Objekten und Dokumenten, die der Öffentlichkeit nur selten präsentiert werden, wurde die Geschichte des Vereins und seiner verschiedenen Sektionen wie der Plattlergruppe, der Vereinsjugend, der historischen oder schwäbischen Gruppe, der Trachtenkapelle und der Volksmusikgruppe veranschaulicht.

 

 

So sah man z.B. die erste Fahne des Vereins - noch mit den Fahnenbändern der ersten Fahnenweihe 1923, man bekam Einblick in Protokollbücher aus den Zwanziger und Dreißiger Jahren.  Es wurden die Trachten gezeigt, mit denen der Verein in der Nachkriegszeit seine Aktivitäten neu begann. Man erfuhr, was die Trachtenträgerin alles anziehen muss, bis sie korrekt in „Volltracht" gekleidet ist - und wie lange dies dauert.

Und es war sogar eine kleine "Bühne" aufgebaut, auf der die "klassischen" Tanzdarbietungen des Vereins dargestellt wurden.

 

 

 

 

 


Zur Geschichte des Vereins und wie der Bayer entstandTrachtenkapelle

Aus der Einführungsrede der Museumsleiterin  zur Ausstellungseröffnung

 

 

Im 19. Jahrhundert wurden die Alpen - und die Bewohner des Alpenlandes - vom Tourismus entdeckt.

Diese Entdeckung hatte nicht nur schlimme Folgen in Form von ökologisch bedenklichen Skipisten, von Seilbahnen und Erdrutschgefahren.

Sie brachte Schwabmünchen auch den Heimat- und Volkstrachtenverein "Alpengruß".

Zurückzuführen ist dieser Name auf ein Phänomen, das um die Jahrhundertwende seinen letzten Schliff bekam und vielerorts noch heute existiert: gemeint ist eine stereotype Vorstellung vom Einwohner Bayerns.

 

Der Bayer wurde von Reisenden im Alpenland entdeckt. Seine Tracht - kurze Lederhosen, Loferln, Haferlschuhe, im weiblichen Fall ausgeschnittene Miederkleider - faszinierte; vielleicht auch seine Art, seine Gesänge, seine Tänze. Diese pflegte er übrigens bald nach seiner Entdeckung den Feriengästen, in leicht abgewandelter Form, vorzuführen. Wir nennen dieses Phänomen Folklorismus.

Der Folklorismus arbeitet mit Stereotypen. Zum Bayern - Stereotyp gehörte - und gehört - das Tragen einer Art von Oberländer oder Miesbacher Tracht - zur damaligen Zeit „Gebirgstracht" genannt.

„Der Bayer" - und das ist wichtig - ist also kein Schwabe, kein Franke. Er ist Oberbayer.

 

Von den Wittelsbachern wurde dieses Stereotyp durchaus gestützt und popularisiert - wer kennt sie nicht, die Fotos von Prinzregent Luitpold oder von Ludwig III. mit Gamsbart und Lodenjanker.

Und spätestens hier wird ganz klar, welch starke politische Komponente die Förderung dieses Bayern-Stereotyps hatte. Es unterstrich und bekräftigte die Vorherrschaft Oberbayerns im Vielstammes - Staat Bayern.

 

Ausstellung - BühneUnd auch die Unterhaltungsszene machte mit.

Sogenannte Bauernkapellen, Tiroler Gesellschaften oder Miesbacher Sänger stürmten die Bühnen der Volkssängerlokale und präsentierten sich als Bayern, als Oberbayern. Mit Riesenerfolg.

Oberbayerisch war "in".

So lag der Hohenpeißenberger Max Schleich also voll "im Trend", als er in seiner Gaststätte in Schwabmünchen die Gründung eines hiesigen "Gebirgstrachten-Erhaltungs-Vereins" anregte.

 

1921 wurde der Verein ins Leben gerufen.

Sein Name "Alpengruß" bezeichnete einmal mehr das Vereinsziel: die Pflege und Erhaltung der Miesbacher bzw. Oberländer "Gebirgstracht".

 

Die "Gebirgstracht" fungierte nun bayernweit als die bayerische Tracht. Während andere Regionaltrachten in Vergessenheit gerieten, wurde sie am Leben gehalten; letztlich durch den Tourismus, durch Bühnenkünstler und durch die Gebirgstrachten-Erhaltungsvereine, die zur damaligen Zeit nicht nur in Schwabmünchen, sondern auch in vielen anderen Gemeinden auch außerhalb Oberbayerns gegründet wurden.

 

Dass es vielleicht daneben auch eine regionale Tracht gab, die man erhalten, pflegen oder meinetwegen auch wiederbeleben hätte können - das stand völlig im Hintergrund.

Bis in die Dreißiger Jahre. Nicht zuletzt durch die institutionalisierte Heimatpflege wurde nun die Betonung eigener regionaler Identität propagiert. Rückbesinnung auf das "Eigene" wurde angemahnt, wenn nicht gar verordnet.

 

Der Verein änderte seinen Namen in "Heimat- und Volkstrachtenverein Alpengruß". Neben die "Gebirgstrachtengruppe" trat eine "Alt-Schwäbische Trachtengruppe".

 

Noch heute existieren beide Gruppen nebeneinander im Verein. Neben dem Erhalt der Schwäbischen Regionaltracht hat der Verein traditionell an der Pflege einer Art "Gebirgstracht" festgehalten - heute jedoch an einer des nahen Allgäu.

 

Tracht zu tragen ist heute nie das gleiche wie zu Zeiten, als Tracht noch Normfunktion hatte, als damit soziale Kontrolle ausgeübt wurde und als Tracht dazu diente, den sozialen Status eines Menschen anzuzeigen.

Die Tracht, wie und was sie früher war, gibt es heute nicht mehr. Andere Attribute haben ihre Funktion im gesellschaftlichen Zusammenleben übernommen.

 

Heute eine Tracht zu erhalten, bedeutet, sich eine ehrenwerte Aufgabe zu stellen. Man erhält damit etwas aus der Geschichte, das andernfalls vielleicht verlorenginge - wenn es die Museen nicht gäbe.

Eine Tracht lebendig zu erhalten, bedeutet, sich eine ebenso ehrenwerte, aber etwas schwierigere Aufgabe zu stellen. Denn Tracht war immer etwas Lebendiges, hat sich stets verändert, hatte aber immer eine gleichbleibende Aufgabe. Eine Aufgabe, die für das Funktionieren einer Gesellschaft wichtig war.

Tracht lebendig zu erhalten heißt also, sie sich auch verändern zu lassen, nicht allzu dogmatisch zu sein - und es heißt, dem Tragen der Tracht eine Aufgabe im heutigen gesellschaftlichen Zusammenleben zuzuweisen. Zum Beispiel eine pädagogische, eine regionalgeschichtliche, vielleicht auch nur eine ästhetische oder die, sich und anderen mit dem Tragen der Tracht, mit Musik und Tanz Freude zu bereiten. Dies im Idealfall eingebunden in all die anderen wichtigen Funktionen, die Vereine wie der Schwabmünchner Heimat- und Volkstrachtenverein in der Gesellschaft erfüllen.

 

Sabine Sünwoldt

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