Camelot im Kinderzimmer

Spielzeug - Ritterburgen aus zwei Jahrhunderten ( 19. 12. 1999 bis 13. 01. 2000 )

Plakat-Camelot im Kinderzimmer

Neben dem Kaufladen, der Eisenbahn und der Puppenstube gibt es auf alle Fälle einen weiteren „Klassiker" im Kinderzimmer: die Ritterburg.

Meist für den Sohn selbst gefertigt oder fertig gekauft, begleitete sie früher spielerisch das Hineinwachsen in militärische Traditionen und männliche Tugenden.

Während auch heute noch Burgen auch für Kleinkinder angeboten werden, die nHistorische Spielzeugburgur Kampfspiele erlauben, ist es bei anderen Produkten auch möglich, das Leben auf einer Burg nachzuspielen - ohne Waffen, Kampf und Belagerungen.

 

„Camelot" zeigte Burgen von Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Sie stammten aus der Sammlung Theresia Nagler, Unterschneidheim, sowie aus eigenen Beständen und aus dem Besitz von Leihgeberinnen und Leihgebern in und um Schwabmünchen. Die Ausstellung wurde von einem reichhaltigen Programm begleitet.

 

 

 

Aus der Einführung zur Ausstellung:

Puppenstube, Kaufladen, Eisenbahn oder Spielzeugbauernhöfe sind seit Generationen Teil kindlicher Spielwelt. An ihnen üben die Kleinen sich für die Welt der Großen.

Doch da gibt es noch so eine „Standart-Einrichtung" im Kinderzimmer - zumindest bei „Zimmerherren" männlichen Geschlechtes: die Ritterburg. Welche Funktion ist nun ihr zuzuordnen? Ist auch sie solch ein Instrument zur Einführung in die Alltagskultur des Erwachsenenlebens?

 

Es ist nicht falsch, diese Frage mit ja zu beantworten - jedenfalls, wenn man die historische Perspektive wählt. In Zeiten, zu denen der Krieg auch von Deutschland als Mittel zur Konfliktlösung angesehen wurde, war das Einüben militärischer Techniken undTurnier im Museum Tugenden durchaus nicht unerwünscht. Die Ritterburg war ein nahezu ideales Einführungsmedium dafür. Meist vom Vater gefertigt, angeschafft oder „vererbt", bot sie mit ihrem Zubehör die geeignete Bühne für das Spiel um Belagerung und Verteidigung, um Führungskraft und Gefolgstreue, um Taktik und Kampf. Anwenden konnte man solcherart erworbene Tugenden später ja auch ohne die militärische Laufbahn gewählt zu haben, denn sie bestimmten maßgeblich das männliche Idealbild schlechthin.

 

Richten wir unsere Augen nicht nur auf die Vergangenheit, wird eine weitere Funktion der Ritterburg im Kinderzimmer erkennbar.

Camelot - die Burg Arthurs, des sagenumwobenen Königs mit der ritterlichen Tafelrunde, fand in den Ausstellungstitel, weil es als eine Art Urmutter aller Ritterburgen gesehen werden kann. Gemeint sind natürlich nicht die echten Burgen, sondern ein Ritterburgen - Stereotyp: die Vorstellung von der Ritterburg als dem Ort, der Schutz gibt, als Ort, an dem edle Ritter zusammenkommen, um ihre Abenteuer zu planen. Die Burg ist der Ort, von dem sie ausziehen, um Ruhm zu erwerben und unter Einsatz ihres Lebens und ihrer Ehre Prüfungen zu bestehen, um danach hier wieder Aufnahme zu finden, die Wunden zu pflegen und neue Kräfte zu sammeln.

Ritter - und Cowboys. Beide gibt es schon längst nicht mehr und wie die Wirklichkeit war, in der sie lebten, will eigentlich gar keiner mehr wissen. In unserer Wirklichkeit haben sie als Mythen ihren Platz bekommen. Abgetrennt von ihrer Zeit und ihrer ursprünglichen Identität, bekamen sie als Stereotypen ein ewiges Leben. Jede Generation wird mit ihnen neu bekannt gemacht. Nicht mit den echten, nein. Mit ihnen als Projektionen, als Identifikationsfiguren, als Spielwelt-Kameraden. Cowboy spielen. Ritter spielen. Das haben unsere Vorfahren getan, das werden unsere Nachkommen tun.

 

Und sie werden für das Ritterspiel, wie auch wir und diejenigen vor uns, Burgen benutzen, die in Architektur, Material und Zubehör den Bedürfnissen ihrer Zeit entsprechen.

 

Die Ausstellung zeigte eine breite Palette von selbstgefertigten und von fertig gekauften Burgen aus der Zeit vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute. Und sie zeigte Burgen aus gewerblicher Herstellung seit den 1920er Jahren.

Einen Schwerpunkt setzte sie dabei auf die Zeit seit den 1920er Jahren. Wie so oft im Bereich der Spielzeugproduktion lag auch hier der Schwerpunkt im Osten Deutschlands. Marktführer waren die in Seifen hergestellten Produkte Arthur Flaads. Er baute kompakte unverwüstliche Holzburgen.

Die Oberseifenbacher Spielzeugfirma Fischer bot Burgen an, die nach dem Baukastenprinzip zusammengesetzt werden konnten. Der Turm bestand in der Regel aus einer Pappröhre. Die Mauern, Tore und Wirtschaftsgebäude waren aus schablonengesägtem Holz. Bemalt wurden sie in Heimarbeit; oft waren ganze Familien an dieser Arbeit beteiligt. Auf Sockel und Mauern kam eine Mischung aus Gips und Lehm, um die Oberfläche rau und "echt" wirken zu lassen (später wurde auch Papiermaché verwendet).

Burgen solcher Art bot auch Paul Gläser an, dessen Firma ganze "Stadtbaukästen" im Programm hatte.

 

In den 1970er Jahren eroberten dann die formgepressten Kunststoffburgen denMusikgruppe Artigiocolo Markt. Es folgten die Playmobil - Spielburg und die Lego - Burgen zum Zusammenstecken. Auch diese waren in der Ausstellung zu sehen.

Eine Abteilung war den Burgen zum Ausschneiden und Zusammenkleben gewidmet - von der Firma Schreiber in Esslingen schon in den 1920er Jahren angeboten. Ein 3D-Puzzle von Neuschwanstein, dem Ideal einer Ritterburg, das ebenfalls in der Ausstellung zu sehen war, steht in ihrer Nachfolge. In ihrer Nachfolge stehen auch Burgpanoramen zum Aufklappen. Mithilfe solcher Panoramen können nicht nur Kampf- und Turnierszenen, sondern auch Alltagssituationen aus dem "Innenleben" einer Burg nachgespielt werden.

 

Zu zeigen, welche Art des Spielens mit einer Burg möglich ist und war, war ein Anliegen der Ausstellung. Lange Zeit waren das Belagerungs- und Kampfspiel die einzigen Spielvarianten, die mir einer Ritterburg zu bedienen waren. Zumindest betrifft dies gekaufte Burgen. Bei selbstgefertigten Burgen konnten schon immer andere Spielmöglichkeiten eingeräumt werden - soweit man dies wollte und soweit man Ritterfiguren bekam, die gewillt warenPlaymobilburgen, ihre Waffen abzulegen.

Namhafte Spielzeugfirmen produzieren auch heute noch Ritterburgen für Kleinkinder, deren Architektur und Zubehör ausschließlich zu Belagerungs- und Kriegsspiel taugt. Die Ritter können nicht anders als kämpfen, denn die Waffen sind ihnen an der Hand festgewachsen.

Immerhin gibt es heute Burgen zu kaufen, die auch anders zu bespielen sind - wie etwa die Playmobil - Ritterburgen. Auch dies hob die Ausstellung hervor.

 

Zu sehen waren in „Camelot" Burgen von der Trutzfestung aus der Jahrhundertwende bis zur virtuellen Computerburg.

Die Burgen stammten zum großen Teil aus der Sammlung Theresia Nagler, Unterschneidheim, weiterhin aus eigenen Beständen und aus dem Besitz privater Leihgeberinnen und Leihgeber aus Schwabmünchen und Umgebung.

Sabine Sünwoldt

 

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