Der Fels Die Wurzel Das Fleisch

Bilder von Alexandra Vassilikian ( 14. 10. 2007 bis 09. 01. 2008 )

Plakat Der Fels Die Wurzel Das Fleisch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alexandra Vassilikian

 

1946 als Tochter armenisch - deutscher Eltern in Bukarest geboren, ergriff nach Abschluss ihres Kunststudiums die Gelegenheit, Rumänien zu verlassen.

Alexandra Vassilikian in ihrem Pariser Atelier

Sie ging als Stipendiatin der Stiftung C. Gulbenkian nach Lissabon, lebte fortan in Portugal,

London (als invited artist des British Council)

und nun schon 20 Jahre lang in Paris.

Seit sieben Jahren wohnt und arbeitet die Künstlerin einen Teil des Jahres in Klimmach.

 

1971       Diplom des Instituts der schönen Künste, Bukarest

1978/82  Stipendiatin der Stiftung Calouste Gulbenkian, Lissabon

1983       als eingeladene Künstlerin des British Council in London

 

1984       Preis der Jury der internationalen Biennale der Gravur in Fredrikstad / Norwegen

2006       Preis der Biennale de Baugé / Frankreich

 

Einzelausstellungen u.a. in Paris, Lyon, Malmédy (Belgien), Genf, Lissabon, Coimbra (Portugal), Porto (Portugal), Victoria (Kanada)

 

Gruppenausstellungen u.a. in Paris, Lüttich, Kattowitz (Polen), Augsburg, Brüssel, Quebec, Ljubljana (Slowenien), Baden-Baden, Fredrikstad, Rijeka (Kroatien) und Boulder (USA)

 

Diverse Veröffentlichungen, darunter ein Buch mit ihren Fotografien:

Alexandra Vassilikian / Jean-Philippe Domecq (Text), Un Coin du Monde

 

 

Der Fels  Die Wurzel  Das Fleisch

 

Fahne Vassilikian Der Fels Die Wurzel Das FleischDer Fels: In ihrem ersten Teil zeigte die Ausstellung Bilder, die in ihrer archaischen Kraft zu den Anfängen der Schöpfung zurück  zu führen scheinen: Felsen, Gebirge, aus dunklen Nebeln empor stoßend in gleißendes Licht. Man meint, diese Felsen trügen einen Keim pulsierender Lebendigkeit in sich.

 

Das Fleisch: großformatige Leinwände, kleine Zeichnungen.  Essenz unter anderem der Beschäftigung mit den Stilleben Jean-Baptiste Siméon Chardins. Die Bilder zeigten einst blutdurchflossen warmes Leben, das jetzt nur noch blutig aus dem Dunkel schimmert wie eine Opfergabe an einen düsteren Gott.

 

Die Wurzel: In ihrem zweiten Teil widmete sich die Ausstellung einem langjährigen „Projekt" der Künstlerin: Alexandra Vassilikian blegleitete die Wurzel eines  in einem Wald bei Klimmach 1999 vom Sturm gefällten Baumes.

Immer wieder besuchte Alexandra Vassilikian „ihre" Wurzel, hielt in den verschiedensten künstlerischen Techniken die Veränderungen des gigantischen, 3m hohen Geflechtes fest, fühlte sich ein in das Dasein dieses Kolosses, der im Laufe der Zeit in eine ganz neue, andere Beziehung zu seiner Umwelt trat.

 

Aus der Einführung der Museumleitung:

 

Alexandra Vassilikian während der Eröffnungsrede

... zu den Bildern Alexandra Vassilikians. Sie haben es dem Text der Einladung sicher schon angemerkt: es sind Bilder, die einem große Worte in den Mund bzw. in die Feder oder realistischer gesagt in die Textdatei legen. Es sind Bilder, die einen schwer loslassen. Sie üben einen Sog aus, der einen hineinzieht in ihre geheimnisvolle und mitunter durchaus beunruhigende Welt. Dies ist - neben dem malerischen Können Alexandra Vassilikians - vor allem der enormen Intensität und Energie zu danken, mit der sie in die Leinwand und in das Papier arbeitet. Es ist eben diese Energie, die die Bilder abstrahlen.

Alexandra Vassilikian ist eine obsessive Künstlerin. Sie findet, was ihr wichtig ist, was in ihr klingt und sie begibt sich hinein in ihr Thema, verlässt es nicht, solange sie nicht fertig ist damit, nicht alles verarbeitet hat, was es für sie zu verarbeiten gab.

Obsessiv - aber durchaus nicht außer Kontrolle. Ich habe noch nie jemand Besessenen getroffen, der so diszipliniert, geordnet und kontrolliert besessen ist. Mit „obsessiv" meine ich, nicht gewillt und fähig, loszulassen, bevor es zu Ende ist.

Und sie lässt nicht los. An manchen Bildern malt sie über Jahre hinweg. Intensiv, obsessiv.

 

Beginnen wir mit dem Fels.Von dort

Ich sprach vorhin über Vassilikians Beschäftigung mit den Felsformationen Portugals. Nun, das, was wir hier sehen, ist natürlich nicht mehr Portugal. Es ist hinter den Klippen Portugals, es ist in ihnen. Etwas Archaisches, in uns allen Präsentes - vielleicht springen sie uns deshalb so unmittelbar an, diese Bilder.

Aus einem dunklen, undefinierten Nebel stößt Steinmasse empor in gleißendes Schlaglicht, erstarrt mitten in der Bewegung, die sie scheinbar nur gezwungen unterbricht.

Vielleicht ist dies der Augenblick, in dem sich ein Tor auftut zu einer anderen Dimension. Und für einen Moment eröffnet sich uns der Blick in eine dunkle, gegengleiche Topografie, die neben unserer existiert, getrennt von ihr nur durch eine leinwand-dünne Haut.

Auf dem Tryptichon „Von dort" im großen Ausstellungsraum treffen wir wieder auf so eine Formation. Es scheint auch hier, als habe sie sich gerade noch bewegt. Wie ein lebendiger Körper.

Auf den Pastellen: schartige Sedimente, freigelegt von den Kräften des Wassers - von denselben Kräften Jahre später wieder mit Sand bedeckt, verborgen, um einst wieder entblößt, ja gehäutet zu werden.

Stein wird zu Fleisch.

Wer in der Erde gräbt, am Felsen kratzt, findet fossiles, versteinertes Leben. Fleisch wird zu Stein.

 

Vassilikian Das Fleisch Einblick in den AusstellungsraumDas Fleisch: wieder eine Obsession.

Alexandra Vassilikian widmete ihre Aufmerksamkeit - intensiv, wie könnte es anders sein, - über längere Zeit dem Werk von Jean Baptiste Simeon Chardin, der im 18. Jahrhundert das Stilleben revolutionierte. In seinen Küchenstücken sind die Körper von Tieren zu sehen, bevor sie als Fleischspeise zubereitet werden. Chardins Blick auf sein Motiv ist ein ernster, stiller, fast andächtiger.

In der Serie „Bonsoir Monsieur Chardin" erweist ihm Vassilikian ihre Referenz. Auf kraftvollen, eindringlichen Zeichnungen bieten sich uns blutende Körper dar: Opfer brutaler Gewalt. Leichen vor ihrer schmackhaften Zubereitung.

Die Leinwände der „Strange Fruit" - Serie: sublimer, doch nicht weniger heftig. Totes Leben, einst blutdurchflossen warm, jetzt nur noch blutig schimmernd aus dem Dunkel, wie eine Opfergabe, dargebracht einem fremden, einem düsteren Gott. Das waren meine Assoziationen, als ich die Bilder das erste Mal sah. Fleisch - die Substanz, aus der wir bestehen und von der wir uns ernähren: hier, im Licht Alexandra Vassilikians,  wird es zu etwas Unvertrautem, zu etwas, das zu sehen einen leichten Schrecken in uns aufsteigen lässt.

Sie sind großartig, diese Bilder. Wagen Sie es, sie sich näher anzusehen. Fürchten Sie sich nicht. Wir sind bei Ihnen. Ich war die letzten Abende allein hier und ich kann Ihnen versichern, es war eigentlich - ausgesprochen intensiv.

 

Wer Fleisch und Fels vielleicht noch ein wenig scheut, Vassilikian Um die Wurzelmöge sich zunächst die Wurzel ansehen. „La souche" befindet sich im ersten Stock.

Der Raum dort widmet sich nämlich der langjährigen Klimmacher Obsession der Künstlerin. Bei einem Spaziergang im Jahr 2000 fiel ihr in einem Wald bei Klimmach eine riesige Tellerwurzel auf, die nun, um 90 Grad gekippt, 3 Meter hoch aus dem Boden ragte. Eine groteske Art von Gewächs zwischen den hochstämmigen Nadelbäumen - wie der Teil eines Bühnenbildes. Es war Winter und als Vassilikian wieder in Paris war, begann sie die Wurzel aus dem Gedächtnis zu malen. Das letzte Bild unserer Ausstellung - oben, rechts wenn Sie den Ausstellungsraum betreten, - ist so eine erste Gedankenprojektion.

 

Eine neue „Besessenheit" war geboren. Doch es wäre nicht Alexandra Vassilikian, ginge diese Besessenheit nicht mit großer Systematik, Kontrolle und Selbstdisziplin einher. Wieder in Klimmach, fotografierte sie die Wurzel täglich vom selben Standpunkt aus und machte nach dem Foto eine Die Wurzel Einblick in den Ausstellungsraumgroßformatige Zeichnung. In der Reihung wurde klar, dass der Koloss, der dort scheinbar wie ein Monolith auf dem Waldboden stand, in ständiger Veränderung begriffen war. Er, seines eigentlichen Lebenssinnes beraubt, trat in eine veränderte Beziehung zu seiner Umwelt. Eine Art Leben nach dem Tod.

Alexandra Vassilikian besuchte die Wurzel immer wieder. Sie fühlte sich ein in das Dasein dieses Gebildes, fotografierte, tonte die Aufnahmen mit Gold und Sepia. Es entstanden Fotografien, die aussehen wie Radierungen, andere, die an Abzüge alter Glasplattennegative erinnern.    

Die Leinwände zeigen uns den Wurzelstock als unerschütterliches Bollwerk ebenso wie als schutzbietende Höhle und als Spender aufkeimenden Lebens.

Und immer wieder malte sie großformatige Pastelle, die die Wurzel weiterleben lassen als filigranes Geflecht, durch das man hindurch sehen zu können meint. Andere Pastelle reduzieren das Motiv bis hin zur weitgehenden Abstraktion. Skizzen führen die Form zurück auf die eines Auges.

Sie sind sehr poetisch, diese Bilder der Klimmacher Wurzel, sie zeugen von einer liebevollen und stets von Respekt getragenen Annäherung...

 

Sabine Sünwoldt

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