Über 400 Besucher erlebten, was nachts im Museum so alles los sein kann

Die Lange Nacht von Museum und Galerie der Stadt Schwabmünchen - ein Rückblick

Die Lange Nacht von Museum und Galerie der Stadt Schwabmünchen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Besucherandrang zur Langen Nacht  - Foto Ingeborg Anderson

Die Lange Nacht ließ das Museum fast aus den Nähten platzen. Statt der erwarteten 50 Besucher stürmten über 400 Interessierte die Räumlichkeiten! In den Gängen war kein Durchkommen mehr; die Besucherinnen und Besucher standen so dicht gedrängt, dass immerhin das Umfallen unmöglich gewesen wäre.

Da hieß es für die Akteure blitzschnell umdisponieren. Lautsprecher wurden umpositioniert und was als Führung von Station zu Station gedacht war, wurde nun als Endlosschleife angeboten. Die Schauspielerinnen und Schauspieler arbeiteten im „Dauerbetrieb".

Glücklicherweise nahm das Publikum die Situation mit Humor und Geduld und so konnten doch sehr viele erleben, was an diesem Abend geboten wurde - bis hin zum abschließenden wunderschönen historischen Feuerwerk vor dem Museum.

Die Museumsleitung dankt all jenen, die zur Langen Nacht von Museum und Galerie der Stadt Schwabmünchen kamen, für ihr Interesse und ihr großes Verständnis. All jenen, die nicht kommen konnten oder die Szenen wegen des großen Andrangs nicht sehen konnten, wird wahrscheinlich beim MuseumsSommerfest am 29. Juni 2008 noch einmal die Möglichkeit geboten, einige Szenen in aller Ruhe zu genießen.

 

 

Besuchermenge Foto Ingeborg AndersonEingangs lasen Jakob Baur und Sabine Sünwoldt aus Archivalien des 19. und 20. Jahrhundert aus dem Stadtarchiv Schwabmünchen. Bezüglich der Probleme, die es in einer Gemeinde so geben kann, ergaben sich etliche Parallelen zur heutigen Zeit: da ging es etwa um nächtliche Ruhestörung, Vandalismus, illegale Mülldeponien und um Baumfrevel im Luitpoldpark. Die Maßnahmen dagegen waren vor 100 Jahren allerdings andere. Wer damals erwischt wurde, wie er einem Baum Schaden zufügte, musste einhundertmal schreiben „Ich bin ein Baumfrevler und verdiene eine harte Strafe".

 

Dann ging es von der Moritat zur Hinrichtung der Maria Frankin 1802 über die Unterscheidung von Tanzkränzchen und Tanzkurs unter dem Blickwinkel der Vergnügungsbesteuerung. Schließlich wurde der Lebenslauf eines kleinen Tunichtgutes begleitet, der 1939 im Rahmen  der Vorbeugenden Verbrechensbekämpfung den Tod im Konzentrationslager fand.

 

Nach der Pause, in der das Gebäck nach Rezepten von anno dazumal  allzu schnell vergriffen war, ging es weiter im Programm.

 

Der Römer Marcus Leonardus alias Markus Friesenegger

Die Besucher konnten erleben, dass nachts im Museum so einiges lebendig wird.

Zum Beispiel der kleine „Römer". Marcus Leonardus (Markus Friesenegger), der sich nachts, wenn das Museum leer ist  („absolut toteToga") stets nach Gesellschaft sehnt, wartete im Raum, in dem der echte römische Töpferofen und Funde aus der Römerzeit präsentiert werden. Er erzählte von seinem Leben im römischen Töpferzentrum Rapis. Gelebt und gearbeitet habe man im selben Haus („Wenn man aus dem Bett fiel, landete man an seinem Arbeitsplatz"). Und er präsentierte die Produktpalette, die von Rapis bis weit in den Osten geliefert wurde („mit Rapis - Dekor für die Liebhaber von Markenkeramik").

 

 

Käsefabrikantengattin Brutscher alias Andrea Fuhrmann

 

Inmitten der Biedermeier - Möbel, die sie einst dem Museum stiftete, saß Frau Käsefabrikantengattin Katherina Brutscher (Andrea Fuhrmann) und blätterte versonnen in ihrem Fotoalbum. Wir schrieben das Jahr 1910 und Frau Brutscher, die es tatsächlich in Schwabmünchen gegeben hat, erzählte ihren zahlreichen Gästen von ihrem Leben mit Mann und Kind („Mei, der Willi, er macht mir so viel Freude") und von ihrem Dasein als Honoratiorengattin („Jetzt hat man mich ins Damen-Komitee der Holzheyschule gewählt - welche Ehre! Zusammen mit Frau Holzhey und Frau Apotheker Klöck!"). Dabei erfuhr man auch so manches über die Freizeitvergnügungen, die Straßenverhältnisse und die Gerüche der Stadt auf dem Lande.

 

 

 

 

Strickerfamilie - Jakob Baur, Sarah Weckmer, Sarah Blech, Franziska Schmitz, Markus Friesenegger, Lisa HartmannWeiter ging die Zeitreise in das Jahr 1829 zur Familie Stricker. Vater Anton Stricker (Jakob Baur), Mutter Anna Stricker (Sarah Weckmer) und die in den Karl vom Nachbarhaus verliebte Tochter Resi (Sarah Blech) saßen strickend am Tisch in der Stube. Am Spinnrad arbeitete die Tochter Fanny (Franziska Schmitz, die für ihre Rolle sogar das Spinnen gelernt hatte), die Tochter Rosi (Lisa Hartmann) schnitt Kohlrabi für das Abendessen und kümmerte sich um das Wickelkind. Der Sohn Wiggerl saß auf einem Fußschemel, kardierte Wolle und wollte unbedingt Pferdeknecht beim Gasthof zur Post werden.

Die Strickers, die eine kleine Landwirtschaft besaßen („Eine Kuh, ein Schwein, ein Hahn, ein Huhn, ein Ei"), fertigten in Heimarbeit als Nebenerwerb Strümpfe. Aus ihren Gesprächen konnte man so einiges erfahren über Heiratsalter („Jetz bist scho 16 und immer noch net verheirat&undefined;"), Berufsaussichten Strickerfamilie mit Botin des Verlegers - Jakob Baur, Sarah Weckmer, Sarah Blech, Helena Wolf, Franziska Schmitz, Markus Friesenegger(„Ich möchte&undefined; in Stellung gehen - vielleicht sogar beim Herrn Bürgermeister Weis!") und das damalige lokale Zeitgeschehen („Man möcht&undefined;s kaum glauben von den hohen Herren, aber dem Bürgermeister hams jetzt das Gehalt gekürzt!"). In Verlegenheit gerieten die Strickers, als eine Botin (Helena Wolf) des Strumpfhändlers Keck kam, um die fertigen Strümpfe abzuholen. Fanny („Die lasst si noch Zeit mit&undefined;m Heiraten. Die brauch ma noch. Die is so a gute Spinnerin!") hatte das Fieber („Sogar a Messe ham ma lesen lassen müssen") und so konnte die gewünschte Menge nicht produziert werden. So informierten die Strickers ganz nebenbei über das Verlegersystem der Strumpfhändler, über Handelswege und Auszeichnungen - die Schwabmünchner Strümpfe hatten gerade die Goldmedaille auf der Augsburger Industrieausstellung gewonnen.

 

 

 

Kommerzienrat C.J. Holzhey alias Benedikt KlonowskiHerr Kommerzienrat C.J. Holzhey (Benedikt Klonowski) berichtete in seinem Kontor von seiner steilen Karriere, die er vor allem seinem äußerst  zielgerichteten Handeln verdankte. Gerade zum Magistratsrat gewählt und erst ein Jahr mit Elisabeth Fischler Gräfin von Treuberg verheiratet („Die Wurzeln derer von Treuberg  können, so heißt es, bis zu ältestem und höchstem portugiesischem und spanischem Adel zurück verfolgt werden") trafen wir ihn in seinen besten Jahren - um 1910.

Er hatte bei der Gründung seiner Weberei in der Standortfrage die Gemeinde auf subtile Weise unter Druck gesetzt („Ha, die Gemeinde verstand es sehr wohl, zwischen den Zeilen zu lesen und  kam mir bei meinem Vorhaben sehr entgegen") und ein sowohl im Produktionsablauf als auch in sozialer Hinsicht vorbildliches Unternehmen aufgebaut („Keiner, der bei mir krank wird, wird in die Armut getrieben").  Er schilderte die Geschicke seiner Firma, sein Engagement für seine Belegschaft und seine Heimatgemeinde und sein eigenes Schicksal, das 1940 mit der Ehrenbürgerwürde noch gekrönt wurde, bevor es ihm sehr harte Jahre bescherte. 1941 starb sein Sohn und designierter Nachfolger und beim Bombenangriff auf Schwabmünchen 1945 schließlich wurden sein Haus und seine Weberei zerstört („Ich werde zu den Überlebenden gehören. Doch ich werde nicht recht wissen, ob ich wirklich zu den Überlebenden gehören will.")

 

 Historisches Feuerwerk Foto Lothar Zull

Nach so viel Geschichte bot das wunderbare historische Feuerwerk mit bengalischen Lichtern, Fontänen und Feuerrädern dem Abend genau den richtigen Abschluss.         

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