Ein Platz für Engel

( 30. 11. 1997 bis 25. 01.1998 )

Plakat-Ein Platz für Engel
 

Diese Sonderausstellung widmete sich einem Thema, das eigentlich gar nicht „ausstellbar" sein sollte. Diejenigen, um die es hier ging, sind nämlich unsichtbar, unhörbar, unfassbar - und doch wurde nur wenigen anderen körperlosen Geisteswesen so oft und so vielfältig Gestalt verliehen wie diesen. Es ging um Engel.Blick in die Ausstellung

 

 

An zahlreichen Exponaten aus vier Jahrhunderten zeigte die Ausstellung, dass die Existenz von Engeln längst nicht mehr „Glaubenssache" ist. Wir sind umgeben von Engeln - und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

 

Ob Engel aus der Kirche oder Engel für das Heim, Engel für die Andacht, Engel für Kinder, Engel für Weihnachten, Engel um Tod und Gedenken, ob Engelsschmuck, Engel für´s Poesiealbum oder für´s Osterei, ob Engel für Sammler oder Engel für die Socke - all diese Engel (und noch mehr) fanden sich in der Ausstellung.

Blick in die Ausstellung

 

 

Man begegnete alten und neuen, kostbaren und „wertlosen", wunderschönen und auch eher kuriosen Engeln aus den Beständen des Museums und aus der Hand zahlreicher Leihgeber.

 

Und wenn man Lust hatte, konnte man anschließend noch im Museum auf  „Engelsspuren" wandeln und noch viele weitere Engel entdecken . . .

 

 

Aus der Einführung der Museumsleiterin zur Ausstellungseröffnung:

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

herzlich willkommen am "Platz für Engel" - ich freue mich sehr, dass Sie un­serer geflügelten Einladung ins Museum gefolgt sind.

 

"Wieviel Engel sitzen können auf der Spitze einer Nadel - wolle dem dein Denken gönnen, Leser sonder Furcht und Tadel!

"Alle!, wird&undefined;s dein Hirn durchblitzen, denn die Engel sind doch Geister! Und ein ob auch noch so feister Geist bedarf schier nichts zum Sitzen."

Das Gedicht "Scholastikerprobleme" von Christian Morgenstern war inspi­riert von der dem "Doktor Angelicus" Thomas von Aquin einst zugeschriebenen Frage, wieviele Engel denn eigentlich auf der Spitze einer Nadel Platz fänden.

 

Da die Engel in unserer Ausstellung - damit man sie überhaupt ausstellen kann - körperliche Gestalt angenommen haben, schien uns unser Ausstel­lungsraum ob der Flut von Leihengeln, die erfreulicherweise über uns herein­brach, bald auch nicht größer als eine Nadelspitze. Und dabei haben wir bloß ein paar hundert geflügelter Geisteswesen aus Schwabmünchen und Umge­bung ausgestellt. Wahrscheinlich ohnehin nur die Nadelspitze des Engelbergs.

 

Engel, das sind die Boten zwischen Himmel und Erde. Sie verkünden Gottes Ratschluss, Gottes Kraft. Sie sind Kämpfer für das Gute und ihnen obliegt es, in einer Art persönlicher Beziehung für den Schutz der Menschen zu sorgen.

 

Die Engel werden - folgt man dem Katholischen Kathechismus von 1792 - (Zitat) "in drei Hierarchien, deren jede drei Chöre enthält, abgeteilt. Die erste enthält die Seraphinen, die Cherubinen und die Thronen, in denen Gott mit seiner Herrlichkeit wohnet. In der zweiten Hierarchie befinden sich die Herr­schaften, die Kräfte, die Mächte, durch die Gott Wunder zu wirken pflegt. Zur dritten Hierarchie gehören die Fürstentümer, die Erzengel und die Engel, die Gott bestimmt hat, Städte, Länder, Reiche und die Menschen zu beschützen."

 

"Die Engel", so sagt der Katechismus an anderer Stelle, sind "pure und reinste Geister". Sie sind also eigentlich körperlos und unsichtbar. Dennoch wurde den Himmelsboten seit jeher von Menschenhand zahlreich Gestalt verliehen - mit Flügeln in der christlichen Bilderwelt übrigens erst seit dem 4. Jahrhun­dert.

 

Engelsvarianten in Darstellungen unseres Kulturkreises sind dabei äußerst zahlreich. Wir finden sie als nie erwachsen werdendes pausbäckiges himmlisches Publikum, wir finden sie aber auch als Gestalten eindeutig männlichen Geschlechts, als schwertbewaffnete Kämpfer für das Gute. Dar­stellungen des Erzengels Michael sind oft hier anzusiedeln. Michael, der Seelenwäger - dem ja die katholische Stadtpfarrkirche in Schwabmünchen geweiht ist und dessen Abbildung daher auch im Mittelpunkt unserer Aus­stellung steht - Michaels Aufgabe ist es, das Gottesreich gegen die Mächte des Bösen zu verteidigen. Sein Name lautet übersetzt "Wer ist wie Gott?"

Schon zu Beginn der Schöpfung war er es, der Luzifer und die mit ihm abge­fallenen Engel in die Hölle verbannte.

Diesen Auftrag Michaels zur Verteidigung der himmlischen gottgewollten Ordnung projizierten geistliche und weltliche Herrscher in der Geschichte auf rein irdische Machtinteressen und machten den Erzengel zu ihrem göttlichen Verbündeten. In der Zeit der Gegenreformation verteidigt er den "wahren Glauben", später wird er zum Walter vaterländischer Interessen Frankreichs und Deutschlands.

...

Man begegnet Engeln in der Bilderwelt - vor allem seit der Öldruckproduk­tion des ausgehenden 19. Jahrhunderts - in Gestalt junger geflügelter Frauen in wallenden Gewändern. Man findet sie aber auch - und dies schon viel län­ger und schon sehr lange vor der Nazarenischen Malerei - als androgyne, leise lächelnde Künder und Begleiter. Und dann gibt es natürlich noch die Klein­mädchen-Figur, deren Engelsstatus nur die Flügel signalisieren, die den Stoff des Wintermäntelchens durchdringen.

 

Schier endlos ist die Vielfalt engelischer Gestaltwerdung durch die Schöpfer­hand des Menschen.

 

Und schier endlos ist auch die Anzahl von Aufgaben, um die die Menschen den Zuständigkeitsbereich der Engel vergrößerten. Er reicht mittlerweile bis zur Aufbewahrung unserer Seifenstücke oder zur Zierde unserer Socken. Ja, seit Ende des 19. Jahrhunderts haben sie auch eine weltliche Karriere ge­macht. Sie sind dick drin im Deko- und Designgeschäft.

Ja, sie wurden - ob sie wollen oder nicht - erst kürzlich von einem Sozialwis­senschaftler gar zum "Symbol der Neunziger" erhoben.

Die Geisteswesen als Wesen des Zeitgeistes? In welcher ihrer Funktionen? Als Seifenschalenengel? Oder als Attribute heutiger Lebenshelfer-Esoterik, die uns die Engel als Verantwortungsträger im täglichen Leben verkauft, etwa als "Himmlische Helfer" im "Engels-Set" - wie hier in der Vitrine zu sehen?

 

Ob Symbol der Neunziger oder nicht - in einer Funktion haben wir die Engel allerdings bitter nötig. Der 91.Psalm sagt: "Seinen Engeln befiehlt Gott, dich zu bewahren auf allen deinen Wegen. Auf den Händen werden sie dich tragen, dass an keinen Stein stoße dein Fuß."

Wie stark müssen Schutzengel sein, um die Menschen der heutigen Zeit vor sich selbst zu schützen? Den einzelnen, der mit dem modischen Autoaufkle­ber "Fahren Sie nicht schneller als Ihr Schutzengel fliegen kann" durch die Gegend rast; Menschheit insgesamt, der - mittlerweile "globalisiert" denkend und handelnd - die Gier nach Profit zum höchsten aller Werte ge­worden zu sein scheint  - zu einem "Wert", dem moralische Bedenken "mit Be­dauern" eilfertigst geopfert werden.

Wie stark müssen Schutzengel sein, eine Menschheit vor sich selbst zu schüt­zen, die ihren Planeten mit allem, was darauf lebt, kontinuierlich und frohge­mut zugrunderichtet? Die - geleitet von sogenannten "Sachzwängen" den paradiesischen Apfelbaum bis auf die kahlen Äste geplündert hat und in Bereiche vorgedrungen ist, die für sie nicht mehr kontrollierbar sind? Die sich mit den Waffen in ihren Arsenalen jederzeit auf Knopfdruck selbst auslö­schen kann?

 

Haben Schutzengel hier noch eine Chance?

 

Oder geht es ihnen eher so wie dem Engel in der Interpretation von Paul Klees "Angelus novus" durch Walter Benjamin, der schreibt:

"Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt:

Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt.

Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt.

Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergan­genheit zugewendet.

Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.

Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusam­menfügen.

Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann.

Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst.

Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm."

 

In Wim Wnders Film "Der Himmel über Berlin" möchte der Engel Daniel kein Engel mehr sein. Er möchte Mensch werden, Liebe erfahren, möchte wissen, "was...kein...Engel...weiß."

 

Sie wissen nicht mehr alles, sind hilf- und machtlos - die Engel im 20. Jahr­hundert: so nah waren sie den Menschen noch nie.

 

Die Ausstellung widmet sich freilich viel weniger globalen Überlegungen. Sie ist - anders als manch andere Ausstellungen dieses Hauses - sehr sanft und milde. Sie zeigt, dass in unserem Alltag und in unseren Festtagen mehr Platz für - gestaltgewordene - Engel ist, als wir vielleicht annehmen.

 

Zunächst werfen Sie in der Ausstellung einen Blick auf ein Stück Himmel voller Putten und Cherubim, in dem sich - respektlos, wie diese kleinen Flie­ger nun mal sind, ganz junge Engel neben altehrwürdigen tummeln, die be­reits ihre 400 Jahre auf den Flügeln haben. Sodann kommen Sie zu den Engeln aus der Kirche und vorbei am Erzengel Michael zu Engelsschmuck und Engelskunst. Daneben die Engel aus der Fremde.

 

Weiter geht es mit den Engeln für Andacht und Andenken, der Schar der Weihnachtsengel, den Engeln für Sammler, den Engeln für Kinder und den Schwabmünchner Engel-Familien. Es folgen die Engel um Tod und Geden­ken, die Engel für Liebe und Freundschaft und schließlich die Engel für das Heim.

 

Der Bereich "Engelsdesign" wird komplettiert durch die Engel aus Raffaels Sixtinischer Madonna: Aus der Kunstgeschichte auf die Kaffeetasse.

 

In der Halle hier draußen finden sich Bastel-Engel in verschiedenen Techni­ken, Engelskunst, Engelsbücher und ein bißchen Engels-Esoterik.

...

So, liebe Gäste, genießen Sie jetzt unseren Englischen Kuchen und ziehen Sie sich eine Engelskarte, dann kennen Sie Ihre Gestimmtheit für den heutigen Tag.

Sehen Sie sich mit etwas Muße die Ausstellung an.

Und wenn es Sie danach nach noch mehr Engeln gelüstet - das Museum ist voll davon. Bis in&undefined;s Dachgeschoss, wo Sie einen winzigen Engel auf einer Backmodel finden werden. Folgen Sie einfach unserem kleinen blauen Engel­chen, das Frau Wagner in Nachtarbeit 136 mal aus Klebefolie ausgeschnitten hat. Lassen Sie sich von ihm leiten, wie wir uns eben von unseren Engeln leiten lassen sollen. Folgen Sie ihm und er wird Sie sicher zu allen Engeln führen, die das Mu­seum noch zu bieten hat...

 

Sabine Sünwoldt

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