Ernst Maria Lang

Bayern - und Ereignisse der Welt ( 27. 03. bis 24. 04.1994 )

Plakatmotiv Ernst Maria Lang
 

Im Rahmen des Kulturtreffs `94 war in Museum und Galerie der Stadt Schwabmünchen eine Ausstellung zu sehen, die Arbeiten einer „lebenden Legende" präsentierte: Karikaturen von Ernst Maria Lang.

 

Gezeigt wurden Blätter, die Lang in den Jahren 1947 bis 1993 für die Süddeutsche Zeitung schuf. Sie (be)trafen "Bayern und Ereignisse der Welt". Fast 50 Jahre Zeitgeschehen spiegelte sich in den Zeichnungen. Sie riefen weltpolitische Entwicklungen ebenso ins Gedächtnis wie die Geschichte der Bundesrepublik, die Lang bis hin zur Wiedervereinigung ebenso anschaulich wie bissig kommentierte.

 

1947 bekamen Langs treffende zeichnerische Kommentare zur Tages- und Weltpolitik ihren festen Platz in der Süddeutschen Zeitung. 1988 übernahm der Staat die Originalblätter der Karikaturen, die Lang für diese Zeitung schuf. Bewahrt werden sie in der Neuen Sammlung, Staatliches Museum für angewandte Kunst, in München. Dort wurde 1990 eine Ausstellung konzipiert und mit großem Erfolg präsentiert, die eine Auswahl von knapp 50 Originalzeichnungen enthielt.

Eine dieser Zeichnungen war auf dem Plakat abgebildet. Sie nahm Bezug auf den Rummel um die Zweihundertjahrfeier der USA und erschien am 03.07.1976 in der Süddeutschen Zeitung. Unter dem Motto "Mach mal Pause" sitzt die in die Jahre gekommene Freiheitsstaue, eines Großteils ihrer Kleidung entledigt, auf ihrem Sockel und zündet sich an der Fackel eine Zigarette an.

Um einige aktuelle Blätter erweitert, war die Münchener Ausstellung in Schwabmünchen zu sehen. Bei der Eröffnung am 27. März  war Ernst Maria Lang anwesend.

 

 

Auszug aus der Einführung der Museumsleiterin zur Ausstellungseröffnung

 

 

...Wie soll ich nun Sie begrüßen, Herr Senator, eine Legende, den vielfach Geehrten, Vielseitigen, den Architekten, langjährigen Berufsbildungszentrums-Leiter, den Rundfunkrat, den Präsidenten der Bayerischen Architektenkammer, den genialen Karikaturisten, der aufgrund seines Werkes mittlerweile zur Instanz, zur Institution geworden ist?

Denn ich erkläre mich gerne für befangen. Ich bin eine derjenigen, die mit den Karikaturen Ernst Maria Langs aufgewachsen sind. Mein Weg zum Zeitunglesen führte über seine Zeichnungen, die ich mir von meinen Eltern erklären ließ. Zweifellos verdanke ich daher meine Einführung in die politische Kultur unseres Landes zu einem großen Teil Ernst Maria Lang.

 

Durch ihn lernte ich eine bestimmte Art der Respektlosigkeit als Bürgerpflicht in einer Demokratie kennen, lernte, dass die Gewählten nicht unbedingt erwählt sein müssen und dass "die da oben" nur soweit entrücken können, wie wir sie entrücken lassen.

 

Wie man Langs Szenarien auch interpretieren mag, als Pandämonium der Kindsköpfe oder als politisches Welttheater (einer, der in Oberammergau geboren ist und dessen Vater zwar Bildhauer, aber auch Spielleiter bei den Passionsspielen war, kommt wahrscheinlich sehr schnell in den Verdacht, überall eine Bühne zu sehen) - es gibt jedenfalls bei Lang keine Helden. Seine Karikaturen lassen die Illusion, dass Politiker bessere Menschen sein könnten, gar nicht erst aufkommen. Dennoch sind seine Zeichnungen nie bösartig. Sie resultieren aus einer sehr genauen Beobachtung dessen, was um und mit uns geschieht - und vor allem derer, die dieses Geschehen lenken. Als Ergebnis seiner Beobachtung präsentiert er ein sehr vertrautes Spektrum menschlicher Charaktere und Eigenheiten. Es sind Menschlein wie Du und ich, die im politischen Welttheater agieren - egoistisch, hinterfotzig, schlau, kriecherisch, liebes- und geltungsbedürftig, naiv, brutal - und vor allem eitel. Und irgendwie rührend. Sie werden entlarvt, die Macher und die Mächtigen. Und zum Vorschein kommen nicht etwa Dämonen oder Elfen. Zum Vorschein kommen peinlicherweise Menschen.

Langs Karikaturen führen uns vor Augen, dass nie das Gute regiert oder das Böse, sondern immer das Menschliche - eine Einsicht, die uns im Übrigen vielleicht gar nicht so erleichtert aufatmen lässt.

 

Dass jemand, der sich so weit auf die Erkundung des Menschlichen im Mächtigen einlässt, seinen Humor nicht verliert, dass er trotz alledem, was er da so scharf beobachtet, nicht entmutigt aufgibt oder zum Zyniker wird, sondern dass er wieder einen Schritt zurücktreten und lächeln kann, - das muss etwas mit Weisheit zu tun haben. Oder mit Menschenliebe. Oder mit einem festen Vertrauen in das Funktionieren der Demokratie.

 

Dass zu diesem Funktionieren auch die politische Karikatur in ihrer Kontrollfunktion notwendig ist, wird in dieser Ausstellung augenfällig. Gerade im Rückblick anhand der älteren Zeichnungen erweist sich die Treffsicherheit, mit der Lang Zusammenhänge und Motive aufdeckt, und mit der er seine Akteure charakterisiert.

 


Der Rundgang durch die Ausstellung ruft weltpolitische Entwicklungen ins Gedächtnis und die Geschichte der Bundesrepublik bis zur Wiedervereinigung und danach. Und immer wieder gerät dem Bayern Ernst Maria Lang der Freistaat ins Visier - und hier dessen wohl hervorragender Repräsentant: Franz Josef Strauß. (Allein Langs Strauß wiederzusehen, ist einen Besuch der Ausstellung wert.)

 

Jahrelang hing in meiner Wohnung ein Bild, eine Karikatur, aus der Zeitung ausgeschnitten und gerahmt. Es war eine Karikatur von Ernst Maria Lang. Sie überstand zwei Umzüge und ich trennte mich erst von ihr, als sie so vergilbt war, dass die immer noch fortdauernde Gültigkeit und Aktualität ihrer inhaltlichen Aussage mit der inzwischen offensichtlichen Hinfälligkeit ihrer äußeren Erscheinung in unauflöslichen Widerspruch geriet.

Als ich nun die Ausstellung auspackte, hielt ich sie plötzlich wieder in Händen, diese Karikatur. Und sie hatte nichts von ihrem Reiz verloren. Wieder musste ich lächeln und dachte mir "ja, genau".

Sicher wird es Ihnen angesichts der einen oder anderen Zeichnung in der Ausstellung ähnlich ergehen. Auch Sie werden sich denken "ja, genau".

Fast 50 Jahre Zeitgeschehen, kommentiert von Langs, wie Hellmuth Karasek schreibt, "maliziös liebenswürdigem Strich", kombiniert mit einer Textzeile, einem kurzen Reim. Wie viele Worte bräuchte man, um zu beschreiben, was so ein Blatt auf einen Blick verdeutlicht.

Das ist die Kunst der Karikatur. Und dass wir heute einen der wirklich Großen dieser Kunst bei uns begrüßen dürfen, ehrt und freut mich ganz besonders.

 

Sabine Sünwoldt

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