Fare Well to Felix Weinold

( 02. 04. - 25. 06. 2006 )

Plakat Fare Well to Felix Weinold
Wie schon ihr Titel sagt, wurde die Ausstellung aus Anlass eines Abschieds veranstaltet. Felix Weinold, der 18 Jahre lang hier gelebt und gearbeitet hatte, verließ Schwabmünchen, um sich in Augsburg niederzulassen.

Und so waren in „Farewell to Felix Weinold" Arbeiten des Künstlers aus den vergangenen zehn Jahren seiner  Schwabmünchner Zeit  zu sehen: Tafelbilder, Leuchtkästen, Fotografien, Objekte - und sogar Modelle aus 1994, mit welchen er sich (zusammen mit dem Landschaftsarchitekturbüro Rainer Schmidt) am Wettbewerb zur Freiraumplanung für das Gelände der ehemaligen Sheridan Kaserne in Augsburg beteiligte.Felix Weinold - Santos 2  - im Dauerausstellungsbereich

 

Die Arbeiten wurden in zwei Sonderausstellungsräumen und darüber hinaus in den Bereichen der Dauerausstellung präsentiert, was zu einer interessanten Interaktion zwischen den Museumsexponaten und den Kunstwerken Felix Weinolds führte.

 

 

 

 

 

Auszug aus der Einführung der Museumsleiterin zur Eröffnung der Ausstellung „Farewell to Felix Weinold"

am 02.04.2006 im Museum der Stadt Schwabmünchen

 

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...Was mich zu Weinolds „vielschichtigen Bildern" führte.Felix Weinold - Der Traum vom Reisen

Sie funktionieren wie Vexierbilder, bei denen es darum geht, eine Struktur oder ein Motiv zu erkennen, das dem ersten Blick verborgen ist.

Dieser Vielschichtigkeit - in allen Bedeutungen des Wortes übrigens - begegnen wir auch in dem Bild hinter mir. Es trägt den Titel „Der Traum vom Reisen" und zeigt zunächst einen Ludwig-Richter-Däumling auf großer Fahrt in einem Schuh sitzend. Der Hintergrund vermittelt durch die Verwischung eigentlich zunächst nur „Tempo"; ja eine Reisegeschwindigkeit, die der starre holzgeschnittene Däumling kaum je erreichen könnte in seinem Schuh, wäre es nicht ein Siebenmeilenschuh.

Steigen wir hinein in das Bild! Dies geht paradoxerweise am besten durch Vergrößerung der räumlichen Distanz. Je weiter wir uns von diesen „Vielschichtbildern" entfernen, desto freimütiger geben sie nämlich ihre Geheimnisse preis.

Hinter unserem Däumling offenbart sich uns ein weiterer Traum vom Reisen - aus einer Zeit, in der die Verwirklichung individueller Reiseträume im und durch das Traumauto als Siebenmeilenstiefel Gestalt annahm.

 

Es empfiehlt sich oft bei Weinolds Bildern, näher hinzuschauen - was hier bedeutet: sich von ihnen räumlich ein wenig zu entfernen. So manches Idyll löst sich unter unseren Blicken zusehends auf.

Heimat wird weniger heimelig und die vermeintlich glückliche Hausfrau verrät uns ihre geheimen Wünsche, die mit der neuen Waschmaschine eigentlich nur wenig zu tun haben.

 

Übereinanderprojizierte Ebenen, die zunächst einmal verschiedene Motive  zeigen, die in verschiedenen Techniken oder auch Malstilen ausgeführt sind und die verschiedene Bildaussagen transportieren: Zusammen ergeben sie ein Neues, das nicht nur mehr, sondern meist auch etwas anderes ist als die Summe seiner Einzelteile. Weinold  legt eine Schicht über die andere und überlässt es dem Betrachter, sie zu erschließen, zu kombinieren, das neu Entstandene zu entschlüsseln. Schrille  Botschaften sind nicht das Seine.

 

Felix Weinold - Bilder aus der WunderkammerDie Viel-Schichtigkeit finden wir abgewandelt auch in den kleinen Formaten, auf Holz, wieder. Auch an der „Wunderkammer-Wand", an der sich - nach Wunderkammer-Art - Fremdartiges, Naturkundliches und Wunderbares um Fremdartiges, Naturkundliches und Wunderbares gruppiert.

 

Und damit sind wir beim „Medusa" -Teil der Ausstellung. Hier setzt sich Felix Weinold mit Ernst Haeckels Werk auseinander. Jenen, die nicht Kunst, Biologie oder Design studiert haben, sei gesagt: Ernst Haeckel wurde 1834 in Potsdam geboren. Er war Philosoph und Zoologe und ein leidenschaftlicher Vertreter des Darwinismus. In Verbindung mit der Evolutionstheorie vertrat er die Vorstellung des Kosmos als "allumfassendes Naturganzes".
Haeckel gab der Zoologie ganz wesentliche Impulse, doch was uns hier interessiert, ist vor allem sein Tafelwerk "Kunstformen der Natur", das er in der Zeit von 1899 bis 1904 veröffentlichte.

Mit seinen „Kunstformen der Natur" wollte Haeckel  „jenes unermessliche Gebiet der niederen Lebensformen, die versteckt in den Tiefen des Meeres wohnen oder wegen ihrer geringen Größe dem unbewaffneten Auge verschlossen bleiben ... ans Licht ... ziehen und einem größeren Kreise von Freunden der Kunst und der Natur zugänglich ... machen" wie es im Vorwort von 1899 heisst.  Besonders ergiebig an eigenartigen und wundervollen Gestalten fand er dabei das Reich „jener einfachsten Organismen, deren ganzer lebender Körper nur aus einer einzigen Zelle besteht: den Protozoen, den „Urtieren", und den Protophyten, den „Urpflanzen". Doch interessierten ihn auch benachbarte Gebiete, auf denen, wie er schreibt, „größere Organismen niederen Ranges ihre bewunderungswürdige Gestaltungskraft entfalten: Algen, Pilze und Moose unter den niederen Pflanzen; Polypen, Korallen und Medusen unter den Nesseltieren." (Ernst Haeckel starb 1919 in seiner Villa Medusa in Jena).

Felix Weinold - Medusa-Raum der AusstellungFelix Weinold lässt sie vor unserem unbewaffneten Auge in riesige Bildformate hineinwachsen - diese Haeckel&undefined;schen, ihrer Körperlichkeit, ihrer Dreidimensionalität  beraubten „Kunstformen der Natur". Er ästhetisiert sie, gibt ihnen seine Farben und macht sie zum Teil seiner Bildkomposition - letztlich ganz im Sinne Haeckels, der seine Tafeln durchaus auch als Basismaterial für die bildende Kunst sah.

In seiner Auseinandersetzung mit Haeckel entwickelt Weinold dessen „Kunstformen" auf seine eigene Art weiter. Genauso wie er dies bei seinen Griffen in die Kulturgeschichte, die Zeitgeschichte, in die Geschichte der Technik, der Unterhaltung, der Werbung - und in die Kunstgeschichte tut.

Felix Weinold sagt, er habe eigentlich keinen eigenen Stil. Sein Kennzeichen sei der Eklektizismus. Er klaue sich, was er brauche. Sicher, in seinem Oeuvre findet sich die Elite der europäischen Malerei aus fünf Jahrhunderten verarbeitet. Doch hier von Diebstahl zu sprechen, halte ich natürlich für pure Koketterie. Wenn Weinold stilistische oder Motiv-Zitate anbringt, ist das ja eben nicht Kopie. Es entsteht etwas Neues aus der Auseinandersetzung mit bereits Bestehendem. Das ist ein schöpferischer und ein intellektueller Prozess. Und hier sind wir bei etwas angelangt, das für mich weitaus kennzeichnender für die Arbeiten Weinolds ist, als der Diebstahl: es ist der Intellekt.

Während man bei manch anderem Künstler sagen kann, er malt aus dem Bauch heraus, fiele mir zu Felix Weinold eher ein: er malt aus dem Kopf heraus. Er ist sich stets bewusst, was er tut und worauf er sich mit seinem Tun bezieht....

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Felix Weinold - Gloves - 2004Vergessen Sie nicht, einen Trauerkloß zu Ehren des Scheidenden zu geniessen und sich mit Tränen und Kummerspeck-Talern zu trösten. Neben alkoholfreien und alkoholarmen Getränken wird Ihnen hier auch der Wermutstropfen kredenzt: Absinth, destilliert aus der Wermutpflanze (Herr Haeckel wüsste sicher genau, welche Gestaltungsform sie entfaltet).

Trinken Sie aber nicht zuviel davon! Dies ist ausschließlich Künstlern vorbehalten. Denken Sie an Van Gogh, Gaugin, Picasso - sie und andere huldigten der „grünen Fee" -  und  wurden nicht glücklich davon...

 

Sabine Sünwoldt

 

 

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