Stars am seidenen Faden

Historische Marionetten aus Böhmen ( 30. 11. 2008 bis 18. 01. 2009 )

Plakat Marionetten

Natürlich sind die Fäden, an welchen die Marionetten geführt wurden, aus Draht oder Zwirn und nicht aus Seide. Und doch hatte unser Ausstellungstitel seine Berechtigung, denn diese „Fäden" sind die Lebensadern der Marionetten. Durch sie fließt die Energie, die der Puppenspieler an sie aussendet und sie damit lebendig werden lässt. Nicht auszudenken, wenn so eine Ader reißt...

 

Die Ausstellung zeigte - auf Originalbühnen - über 150 Marionetten aus der Zeit von ca. 1850 bis 1950, dazu Kulissen, Möbel und Requisiten. Die Objekte stammten aus der Sammlung  von Anita und Hartmut Naefe, Viechtach.

Die Sammlung Naefe repräsentiert eine der großen, vor allem auf die böhmische Marionettentradition spezialisierten Bestände in Privatbesitz. In ihr findet sich das ganze Spektrum der böhmischen Marionettenkunst.

 

 

Marionettentheater war zunächst die Sache wandernder Puppenspieler. In Böhmen begegnete man ihnen bereits im 17. Jahrhundert. Deutsche, englische und italienische Puppenspieler-Gesellschaften zogen von Dorf zu Dorf und stellten in Wirtshäusern und auf Märkten ihre Bühnen auf. Als volkstümliches Unterhaltungsmedium gewann das Puppenspiel stetig an Beliebtheit. Bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts fand sich kaum ein Jahrmarkt, kaum ein Volksfest mehr ohne ein Marionettentheater. Mittlerweile gab es hervorragende böhmische Puppenspieler; gespielt wurde nun auch auf tschechisch.

 

Die Aufführungen wandten sich an Besucher aller Altersgruppen. Das Repertoire entstammte dem Fundus der commedia dell arte, der Oper und des „richtigen" Theaters. Stoffe wie Doktor Faustus oder Don Juan wurden adaptiert, doch auch das Volkstheater mit seiner populären Kritik an der Lebensart der Herrschenden spiegelte sich im Marionettentheater wider.

 

Hatten die Puppenspieler ihre Marionetten zunächst weitgehend selbst gefertigt, entwickelte sich die serielle Spielpuppen-Herstellung in Böhmen bald zu einem florierenden Geschäft. Ab 1900 boten diverse Manufakturen ganze Puppenkollektionen an.

Enthalten waren darin die „klassischen" Charaktere des Marionettenspiels, wie die Prinzessin, der König, der Hofnarr, der Zauberer oder der Teufel. Doch auch Kasparék - der Kasperl - hatte darin seinen Platz. Er spielte stets die Rolle des Maulauf und des Gierschlunds. Und er gab der Stimme des Volkes Gestalt, wenn er der herrschenden Klasse recht spöttisch so manch bittere Wahrheit servierte.

 

Seit dem frühen 20. Jahrhundert veränderten sich die Repertoires des Marionettentheaters. Kinder wurden als Zielgruppe entdeckt und das Puppentheater in den Dienst erzieherischer Ziele gestellt. Dies blieb nicht ohne Auswirkungen auf die Charaktere der Marionetten. Auch sie wandelten sich, wurden kindgerechter, ihr Humor harmloser. Märchenstoffe wurden inszeniert.

Der Kasperl, ursprünglich grotesk-anarchischer Provokateur, gibt nun nicht mehr den „Oberen Zehntausend" Saures. Stattdessen prügelt er das Krokodil.

 

Bühne

 

 

 

 

 

 

 

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