Uli Stein - Viel Spaß!

( 27. 07. 2008 bis 02. 11. 2008 )

Plakat Uli Stein Ausstellung

Die Ausstellung war - wie nicht anders zu erwarten - sehr, sehr gut besucht; an jedem Öffnungstag hörte man es vielerorts im Museum unablässig kichern, quietschen und schallend lachen.

Von der Eröffnung mit der Musik von Acoustic Revolution an (dazu gab es Mäuse und Pinguine am Buffet) bis zur Finissage mit Dixie Jazz der Auxburg Dixie Sex. Mehr hierzu finden Sie im Veranstaltungsrückblick. 

 

 

 

 

 

 

 

 

Präsentiert wurden in der Ausstellung vor allem signierte Erstdrucke, Bleistiftskizzen und kolorierte SchunkelstuhlZeichnungen. Dazu ein paar bahnbrechende Erfindungen, wie z.B. der Schunkelstuhl,  und ein anatomisch korrektes dreidimensionales Sparschwein.

 Die Schau spiegelte die Vielseitigkeit im Werk Uli Steins wider. Sicher ein Grund für die Popularität dieses Werkes. Stein gilt  als der derzeit erfolgreichste Cartoonist Deutschlands.

Ca.396 000 Nennungen finden sich beim Googeln - ein paar muss man allerdings für den gleichnamigen ehemaligen Fußball-Nationaltorwart abziehen.

 

Man begegnet Uli Steins Alltagsszenen seit Jahrzehnten in zahlreichen Zeitschriften; 20 Jahre lang waren sie fester Bestandteil der freundin, seit 1997 sind sie in tv hören und sehen zuhause. Jährlich veröffentlicht er 15 verschiedene Kalender. Von seinen Büchern wurden bisher über 10 Millionen Exemplare, von seinen Postkarten mehr als 90 Millionen verkauft. Seine Mäuse, Pinguine und all die anderen Kameraden aus der Uli-Stein-Fauna zieren unzählige Lizenzartikel.

 

Aus der Ausstellung

 

Auszug aus der Eröffnungsrede der Museumsleitung:

... Ich bin gestern zuhause mal kurz durch die Zimmer gegangen und habe mitgenommen, was mir so auf den ersten Uli-Stein-Blick ins Auge fiel. Herausgekommen sind: Ein Kissen, ein Spitzer, eine Maus - sie heißt Uli und hat meinen Sohn über Jahre intensivst durch seine Kindheit begleitet, - ein Mousepad und eine Krawatte mit einem Pinguin, der seinen grundsätzlichen Protest durch ein „dagegen" auf einem Vortrageschild kundtut. Ich schenkte diese Krawatte vor vielen Jahren meinem Mann, einem überzeugten Krawattenmuffel.

Reiche Beute. 5 Objekte bei der Erst-Recherche. All die Fotoalben und Cartoonbücher habe ich ohnehin nicht mitgezählt.

...

Woher kommt diese immense Popularität? Warum kennt fast jeder den Namen Uli Stein - oder zumindest seine freche Maus?

Sicher, er arbeitet wie ein Pferd. Er produziert und produziert und produziert. Wenn er nicht gerade seiner Mannschaft Hannover 96 beim Fußballspielen zuguckt, oder als Gourmet unterwegs ist, arbeitet er. Er beginnt zu scribbeln, die Sache nimmt Formen an, nach vier Stunden ist sie zur Druckreife gediehen. Eine solche Menge an Veröffentlichungen schlägt sich natürlich auch im Bekanntheitsgrad nieder.

 

Doch es ist nicht nur das. Uli Stein arbeitet auf verschiedenen Ebenen.

Da ist zunächst mal die Knuddeligkeit seiner Tiere - und irgendwie ja auch seiner Menschen mit ihren Gurkennasen. Wir haben also eine Ebene, die rein ästhetisch definiert ist und deren Rezeption auf emotionalem Weg funktioniert. Die Stein-Maus ist einfach süß. Sie hat durchaus das Zeug, ein Eigenleben zu führen. Sie braucht den Cartoon nicht unbedingt. Als Stoffmaus wird sie auch von Kindern geliebt, die noch nie einen Uli-Stein-Cartoon gesehen haben.

Erfolgsfaktor zwei: das Personal seiner Cartoons. Dadurch, dass Stein die Rollen in seinen Cartoons oftmals mit seinen knuffigen Tieren besetzt, relativiert er die Aussage und macht es auch für diejenigen, die er mit seiner Zeichnung auf&undefined;s Korn nimmt, leichter, über sich selbst zu lachen. In der Ausstellung sehen Sie zum Beispiel eine Szene, die bei der Eheberatung spielt. Es sind zwei Mäuse, die die Moderation eines Pinguins suchen. Der Mäusemann klagt gerade, seine Frau falle ihm immer ins..."Ist ja überhaupt nicht wahr", unterbricht ihn da die Mäusefrau.

Uli Stein - Eheberatung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn in solch einer Szene Menschen dargestellt wären, fände eine Frau wie ich zum Beispiel, die gerne und überall jedem ins Wort fällt, das gar nicht so komisch,  - doch der Trick mit der Übertragung auf die Stellvertreter-Maus funktioniert. Er schafft die Distanz, die es braucht, über sich lachen zu können. So entsteht die Möglichkeit zu selbstkritischer Betrachtung - und vielleicht sogar zur Besserung.

Erfolgsfaktor drei:

Uli Stein hat vom Wortspiel bis zum Witz ohne Worte, von der klassischen Tragikomödie bis zum bildgewordenen Kalauer, vom geistreichen Hintersinn bis zur geschmacksbefreiten Zote, vom derben Biertischjargon bis zu feinstem schwarzem Humor alles im Programm. Da gibt es starke Angebote für fast jede mögliche Zielgruppe. Und ich garantiere Ihnen, dass - wenn ich endlich fertig bin mit meiner Rede, jeder und jede von uns in dieser Ausstellung hier und oben je mindestens 8 Mal kichert und 3 Mal laut lacht. Das summiert sich.

 

Als Cartoonist, der ja kein Karikaturist ist, nimmt Uli Stein seine Themen nicht aus dem politischen Tagesgeschehen. Er übt auch keine satirisch-politische Gesellschaftskritik. Sein Reich ist unser Alltag und dessen Bewältigung. Beziehung, Familie, Arbeitsleben, Freizeitgestaltung - all das sind für ihn Hintergundfolien, vor denen er Vertrautes durch Übertreibung verfremdet, vor denen er seine absurden Situationen inszeniert und seine Geschichten von Missverständnissen, Missverhältnissen, von kleinen, mittleren und großen Tragödien erzählt.

 

Uli Stein - FliegenfitnessCartoons sind wie Anekdoten. Sie schildern das Kleine und beschreiben damit das Große. Eigentlich sind sie eine Kunstform für sich.

Keine Angst, ich fange jetzt nicht an mit der Geschichte des Cartoons seit Punch, Kladderadatsch und Simplizissimus, den Zeitschriften, die in England bzw. Deutschland seit Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts diese Kunstform verbreiteten.

Es soll lediglich angemerkt sein, dass es diese Form der prägnanten, witzigen Bilderzählung schon recht lange gibt. Sie kam nicht erst mit pardon oder titanic. Aber pardon und titanic haben mit ihrer geistreichen Nonsens-Pflege dem Cartoon in Deutschland noch mal einen richtigen Schub verschafft. Auch so manche Arbeit Uli Steins kann durchaus dieser Tradition zugerechnet werden.

 

 

Dabei bedient er sich der klassischen Mittel der Komik. Er übertreibt und führt damit ad absurdum. Er spielt mit Worten und ihrer Bedeutung. Er führt uns in die verkehrte Welt - beispielsweise, wenn im Restaurant der Kellner, ein Mensch, dem Gast, einem Hund, anbietet, zur Verfeinerung ein wenig Gartenerde über das Gericht, einen Knochen, zu streuen.

Uli Stein konfrontiert uns mit dem Unerwarteten. Ganz nach Schopenhauers Definition des Komischen als „plötzliche Wahrnehmung einer Inkongruenz".

 

Die erste Abteilung unserer Ausstellung führt uns in das Restaurant: Bühne des Lebens, auf der feine Lebensart und etliche Unarten gleichermaßen ihren Auftritt haben. Die wahren Helden auf dieser Bühne sind allerdings:  der nervenstarke Kellner und jene, die bang darauf warten, bei ihm bestellt zu werden.

Die Welt des Handels und der Arbeit - seit jeher Garant wechselvoller Erfahrungen, Prüfstein für Geduld und Nervenkraft. Ihr ist eine weitere Abteilung gewidmet. Leider endet hier jedoch manch vielversprechende Karriere recht abrupt - wie im Fall des Hofnarren, dem der Henker noch tröstend versichert, dass er und  der Hofstaat den Witz „Ein König kommt zum Arzt..." (für den er jetzt gehenkt wird) übrigens sehr komisch gefunden habe.

Erziehungsmethoden- und Probleme, Beziehungskonflikte, Sport und Spiel, die Digitalisierung unserer Lebenswelt mit ihren vielfältigen Fallen,  all das sind Bereiche, in denen Uli Stein reiche Ernte einfahren kann.

Mensch und Tier: ob als Haustier oder als Bedrohung - das Tier hat einen festen Platz in der Welt des  Stein-Menschen. Die Grenzen zwischen menschlichem und tierischem Dasein gestalten sich dabei zuweilen fließend. So finden wir durchaus auch das Tier als Mitmensch. Der tierische Mitmensch möchte gleichberechtigter Partner sein, er verzichtet auf seine Tierkultur und setzt alles daran, sich als Mensch zu profilieren. Manchmal scheitert das Vorhaben noch an der Sturheit des Menschen, etwa wenn man als Katze seinen Mäusevorrat nicht mit im Kühlschrank verstauen darf. Manchmal jedoch gibt es Erfolge zu feiern. Wenn z.B. zwischen der Herren - und der Damentoilette die Hundetoilette mit Hydrant positioniert ist.Uli Stein - Vergiss es

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das klingt nun alles recht harmlos. Ist es auch. Oft. Mitunter. Manchmal.

Doch oft ist er eben nur auf den ersten Blick harmlos, der Uli Stein. Ein zweiter Blick lässt uns ahnen, dass seine süßen Knuddelwesen uns einen Blick in einen gar nicht so süßen Abgrund tun lassen.

Gänzlich ungetrübtes Glück gibt es nicht.

 

Auf den ersten Blick eine Idylle: Meer, Sandstrand, einen Strandkorb weiter räkelt sich eine Sau gemütlich in der Sonne, Mutter Katze sitzt im Strandkorb, ein Kind kauert im Sand daneben und genießt eine Schleckmaus am Stiel. Das andere Katzenkind hält eine Schaufel in der Pfote und sieht zur Mutter hoch, die es für irgend etwas zu tadeln scheint.

Bis hierher ganz normaler Urlaubsalltag. Wäre da nicht der Text. Er verrät uns nämlich, dass das Kind den Vater irgendwo im Sand vergraben hat, doch wo?

 

Ein Bild, das offenbar den Rattenfänger von Hameln zeigt. Massenhaft rennen Ratten hinter dem Flötenspieler her. Der Text allerdings entlarvt die Legende. Die Ratten waren einfach falsch informiert. Man hatte ihnen gesagt, der Mann sei Michael Jackson.

 

Dass sich der propere Weihnachtsmann mit seinem prall gefüllten Geschenkesack als blutrünstiger Sadist outet, überrascht dann auch nicht mehr.

 

Diese Brüchigkeit ist ein durchgehendes Motiv bei Uli Stein. Wir finden sie immer wieder. Und manchmal hält es nicht, das dünne Eis und die Tragödie beginnt.

Können Sie sich eine tragischere und im wahrsten Sinne ausweglosere Situation vorstellen, als plötzlich zu merken, dass die Kaffeefahrt zum Meer, die Sie gebucht haben, eigentlich Lemminge als Zielgruppe hatte? Und nun treiben Sie auf die Klippe zu, getragen von der Menge dem Abgrund zustrebender Mitreisender. Und dann sagt auch noch einer von denen: „Gebucht ist gebucht"?

Die Fahnen

 

Es ist kein Wunder, dass Uli Stein dort am besten ist, wo es buchstäblich um Leben und Tod geht. Das wahrhaft Komische nämlich zeigt sich ja erst, wo es sich mit der Tragödie paart. Das wussten große Komiker von Karl Valentin bis Charly Rivel schon seit jeher. Und Uli Stein, der weiß es auch.

...

 

Sabine Sünwoldt

 

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