Vorsicht Haderer

Bilder aus Österreich ( 02. 04. bis 28. 05. 1995 )

Plakat-Vorsicht Haderer
   

Spätestens seit die Zeitschrift „Stern" dem österreichischen Karikaturisten jede Woche eine Seite widmet, ist der Name Gerhard Haderer auch in Deutschland bekannt, berühmt und gefürchtet. Mit seinen technisch meisterhaft gestalteten Vivisektionen der Welt, in der wir leben und es uns gemütlich machen, gehört Haderer zu den ganz Großen seiner Kunst.

 

 

Im Rahmen des Kulturtreffs ´95 zeigte das Museum der Stadt Schwabmünchen eine Ausstellung mit Originalen aus dem Werk Gerhard Haderers.Ausstellungseinblick

 

Zur Eröffnung der Ausstellung sprach der legendäre Karikaturist der Süddeutschen Zeitung Ernst Maria Lang. Gerhard Haderer war anwesend.

 

 

 

Auszug aus der Rede der Museumsleiterin zur Ausstellungseröffnung:

 

Als ich letztes Jahr an diesem Ort die Ausstellung "Bayern - und Ereignisse der Welt" von Ernst Maria Lang eröffnen durfte, erzählte ich, dass ich mit den Karikaturen Langs aufgewachsen bin. Seine Karikaturen hinterfragen „Autorität", decken auf, was sich hinter Posen und Masken verbirgt. Sie entlarven die "große Politik" und damit die Bedingungen, unter denen wir leben, oft genug als Resultat menschlicher Irritationen und Unzulänglichkeiten. Und ich sagte damals, dass sich die Qualität seiner Karikaturen darin beweist, dass man sie ansieht, und denkt: "Ja. Genau so ist es".

 

Als ich meinen ersten Haderer sah, war ich mittlerweile erwachsen. Es war ein Blatt, aufgeteilt in mehrere Bildflächen. Die Vorzüge einer überall integrierbaren Kamera wurden hier "gepriesen". Im letzten Bild war diese Kamera offensichtlich in eine Armbanduhr eingebaut und man konnte hautnah den Schrecken im Gesicht eines kleinen Kindes sehen, als die Faust des väterlichen Uhrenträgers mit aller Wucht dieses Gesicht traf.

Die Omnipräsenz der Medien in letzter Konsequenz, die uns nun auch ganz unmittelbar am Familienleben teilhaben lässt.

Bei Haderer muss ich oft erst schlucken, bevor ich mir denke: "Um Gottes Willen, genauso ist es."

Gerhard Haderer, Du schaffst es

Die Dinge auf den Punkt zu bringen, Fassaden niederzureißen und das Wesen, das Eigentliche einer Situation vor Augen führen zu können, ist eben die Qualität großer Karikaturisten. Und sich die Freiheit zu nehmen, weiterzudenken, als andere es sich trauen, und schärfer zu beobachten, als andere es wollen.

 

Ernst Maria Lang richtet seinen Blick dabei vor allem auf die tages- und weltpolitische Bühne; Gerhard Haderer richtet seinen Blick in dieser Ausstellung vor allem - auf uns. Und damit wir überhaupt in den Spiegel sehen, den er uns vorhält, stellt er uns eine Falle. Er verkleidet seine Karikaturen. Er nimmt ihnen die Merkmale, die für uns heute gemeinhin eine Karikatur kennzeichnen... Haderers Bilder wirken wie Farbfotos. Ihr Detailreichtum, ihre farblich opulente und technisch einfach meisterhafte Gestaltung locken unsere Blicke an. Doch wenn wir uns auf diese Bilder einlassen, enthüllen sie ihr wahres Ich. Und wir merken, dass Haderer nicht die Welt um uns "fotografiert", sondern die Welt in uns. Die "Kamera" Haderers dringt tief in das Innere unseres Alltags- und Seelenlebens.

 

Haderer geht uns an. In beiderlei Bedeutung des Wortes. Vor nichts macht er Halt, kein Tabu bleibt ungebrochen, keine Fassade bleibt bestehen, nichts ist ihm heilig. Nicht der rituelle Wochenendausflug in die Berge, nicht die weltliche Autorität, nicht die kirchliche Autorität und Sexualmoral und schon gar nicht das im Innersten unserer Volksseele gehegte und keimfähig erhaltene Pflänzchen Faschismus.

 

Lassen Sie sich nicht täuschen von dem Titel, den Haderer dieser Ausstellung gegeben hat: "Bilder aus Österreich". Die Bilder kommen aus Österreich. Wir haben sie bei Haderers in Linz abgeholt. Was sie zeigen, bezieht sich nur in wenigen Fällen auf spezifisch Österreichisches. Es sind nicht die anderen, die uns hier vorgeführt werden. Austria est in orbi ubique - Österreich ist überall. Und spätestens dort, wo um unseren Umgang mit der deutschen Vergangenheit geht, oder angesichts des schon berühmten Bildes vom "Rechtsintellektuellen", dem Neonazi, der sich vergebens bemüht, unter den anfeuernden Rufen seiner Freunde die Parole "Deutschland den Deutschen" orthographisch einigermaßen korrekt an eine Mauer zu sprühen, gibt es für uns kein Entrinnen. Was wir hier sehen, ist die Welt, in der wir leben.

 

Ausstellungssequenz...Gerhard Haderer richtet seinen Zeichenstift mit sezierendem Interesse auf den ganz normalen Alltag. Er tritt einen Schritt zur Seite und beobachtet das Vertraute, als sei es eben nicht vertraut. Seine Bilder erzählen von unserer Kultur fast wie die Tagebücher eines Ethnologen. Sie berichten von Ritualen, von Brüchigkeiten, von Masken. Von unserem Umgang miteinander, mit unserer Vergangenheit, mit unserer Zukunft.

 

Die Ergebnisse seiner Kultur-Vivisektion kleidet er gnädigerweise in die Form der Karikatur. Er überspitzt sie ein wenig und ermöglicht uns so befreiendes Lachen - sofern es uns nicht im Halse stecken bleibt.

Oder wenn wir uns plötzlich selbst ertappt fühlen.

Wie ich, als ich ein Bild in der Ausstellung entdeckte, das ein Paar vor einem High-Tech-Fernseher sitzend zeigt. Die Tür haben die beiden zugemauert, das Fenster verhängt. Sie strickt, er raucht einen Joint. Dabei ziehen sie sich das Video vom Woodstock-Festival rein. Unter Ausschluss der Außenwelt, der Gegenwart, von deren technischen Errungenschaften sie durchaus profitieren, träumen sich die beiden, gefangen und isoliert hinter ihren Barrikaden, in eine Vergangenheit, in der sie von einer freien Zukunft träumten. In diesem Bild geht es um meine Generation.

Ich fand das Bild zunächst mal gar nicht komisch.

Sabine Sünwoldt

drucken nach oben