Wahnsinn Weihnacht

Die etwas andere Weihnachtsausstellung ( 07.12.1995 bis 31.01.1996 )

Plakatmotiv-Wahnsinn Weihnacht

Wenn das erste Herbstlaub fällt, wachsen die Lebkuchen auf den Regalen der Supermärkte. Bataillone von Schokoladenweihnachtsmännern beziehen Stellung und verkünden die Botschaft: „In einem knappen Vierteljahr, Kinder, wird´s was geben!". Die Weihnachtszeit beginnt.

Gummibären mutieren zu Gummi-Nikoläusen, Katzenfutter wird zum „Festmenü": das Produkt trägt Weihnachtskleid.

Die neuesten Trend-Kugeln wollen an den Baum gebracht werden und in den Geschäften wartet die Ausstattung im Weihnachtsdesign von der Unterwäsche bis zum weihnachtlichen Bleistiftspitzer.

Der Weihnachtsmann erfüllt seine zahlreichen Werbeverträge. Und er steht Modell für Weihnachtsmann-Figuren aller Art: am Fallschirm, als Teddy, zum Aufblasen, singend, schnarchend...

 

Ausstellungseinblick

„Wahnsinn Weihnacht" handelte von Weihnachten. Allerdings nicht von der christlich - religiösen (also „eigentlichen") Weihnacht. Sie handelte von einem "Zweiten Weihnachten". Von der verkauften Weihnacht.

Dabei ging es nicht etwa um eine Kritik des übermäßigen Schenkens. Seit jeher  wurden Kinder so reich wie möglich beschenkt. Es ging auch nicht um Konsumterror unterm Weih­nachtsbaum. Als Fest des Schenkens und Schmausens, als Fest, zu dessen Feier man Zubehör braucht, das nicht in allen Teilen selbst gefertigt werden kann, ist Weihnachten schon sehr lange Wirt­schaftsfaktor.

Nein, was die Ausstellung in einer Atmosphäre zwischen Wohnzimmer und Schaufensterpassage präsentierte, beschäftigte sich mit der Vermarktung von Weihnachten selbst.

 Vermarktet wird dabei freilich nicht die Geburt des christlichen Erlösers, oder Maria und Josef mit dem Kind in der Krippe. Verkauft wird sozusagen eine weltliche Weihnachtsvariante, international vermittelbar als Fest des Friedens und der Freude, kommerziell nutzbar, ohne religiöse Gefühle zu verletzen.

 

WeihnachtsdesignEs ging um die Weihnacht des Weihnachtsmannes, der -
ursprüng­lich als Gabenbringer und Pendant zum weiblichen Christkind - zum rotberockten Werbemann mutiert ist.

Es ging um die Sekundärvermarktung von Weihnachten. Ähn­lich wie das Buch zum Film oder den Schal zur Pavarotti-Tournee gibt es eben auch die Socke zum Fest: Weihnachten  als Design-Motiv.

 

Und es ging um die industriell vorproduzierte Fertigweihnacht, zu deren Vorbe­reitung und Durchfüh­rung man keinen Finger mehr zu rühren braucht.

Weihnachtsmann Hampelmann

 

Was man sah, ständig begleitet von "Jingle Bells", der Hymne der verkauften Weih­nacht, weckte keine nostalgischen Gefühle. Es waren keine schönen Dinge aus einer guten alten Zeit zu sehen. Und doch war Wahnsinn Weihnacht keine Anti-Weihnachtsausstellung.

Im Gegenteil.

Wahnsinn Weihnacht war durchaus eine Weihnachtsausstellung. Es zeigte nichts Exoti­sches, Fremdes, sondern Dinge, die uns in unserer Lebenswelt in der Weihnachtszeit begleiten. Die Ausstellung nutzte nur die Tatsache, dass wir in einem Museum anders sehen als im Alltag. Anders hin­schauen. Und da kann Gewohntes sehr ungewöhnlich werden.

 

Sabine Sünwoldt

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