Bombe: Einige vertreibt sie, andere müssen hin 27.12.2016

Die Schwabmünchner Wehr sorgte für Durchsagen in der Maximilianstraße. 27.12.2016

Evakuierung

Bombe: Einige vertreibt sie, andere müssen hin

Hilfskräfte aus der Region sind im Einsatz. In Königsbrunn finden Senioren aus dem Ulrichsviertel Aufnahme

 

Am Sonntagvormittag war Stefan Missenhardt, der stellvertretende Kommandant der Schwabmünchner Feuerwehr, am Sonntagvormittag recht nah dran an „der Bombe“. Mit etwa 20 Feuerwehrleuten und zehn Polizeibeamten musste er im „Räumsektor 2.8“ – dem Bereich zwischen City-Galerie und Jakober Tor – überprüfen, ob alle Bewohner die Sperrzone verlassen hatten. Zwischen 10 und etwa 12 Uhr klingelten sie dort an jeder Tür.

 

„Das war schon eine knisternde Stimmung“, schildert Missenhardt den Einsatz gestern gegenüber unserer Zeitung. Alles war ruhig, doch Lautsprecherdurchsagen und das Blaulicht der Einsatzfahrzeuge sorgten für eine unwirkliche Atmosphäre. Nur drei Personen mussten sie aus dem Sperrgebiet helfen, eine davon benötigte Sauerstoff und musste liegend transportiert werden. Man organisierte einen Rettungswagen.

 

 

Zu diesem Zeitpunkt war im Caritas-Seniorenzentrum St. Hedwig in Königsbrunn der Krisenfall schon fast Normalität. Hier wurden rund 60 ältere Menschen vom Caritas-Heim St. Verena im Augsburger Ulrichsviertel aufgenommen. Acht Senioren, die man liegend transportieren musste, kamen schon am Samstag, über 50 weitere – darunter 27 demente Personen, dann am Sonntag. Schon im Vorfeld, so berichtet Pflegedienstleiterin Silvia Rölz, hatte man sich bemüht, einige Zimmer frei zu machen. „Einige Angehörige haben deswegen sogar ihre Feiertagspläne geändert und Senioren nach Hause geholt.“

 

Für die dementen Evakuierungsgäste hatte man eine Wohngruppe im dritten Stock frei gemacht, dafür Bewohner im Haus neu verteilt. Im ausgeräumten Besprechungszimmer waren Betten und Matratzen vorbereitet, damit sich die Gäste, für die es kein Zimmer gab, auch ausruhen konnten. Und weil es nicht ausgeschlossen war, dass die Sperrung in den Montag ausgedehnt werden könnte, war man darauf vorbereitet, die Senioren auch über Nacht dazubehalten. Von St. Verena waren Mitarbeiter und Ehrenamtliche mitgekommen, damit die Senioren von dort auch in Königsbrunn einige vertraute Gesichter sehen.

Die Pflegekräfte beider Heime waren besorgt, das Stichwort „Bombe“ könnte bei vielen ihrer Senioren schlimme Erinnerungen an Kriegstage zurückbringen. Dem war nicht so. Stattdessen hörten sie öfters: „Da haben wir schon Schlimmeres erlebt.“ Einige konnten dem unerwarteten Trubel sogar gute Seiten abgewinnen und freuten sich über die Abwechslung. Susanne Jonas, die Heimleiterin von St. Hedwig, erzählt von einer Bewohnerin, die sonst eher zurückhaltend lebt. Die habe spontan mitgeteilt: „Ich bin aus Augsburg! Wenn jemand hier übernachten muss, dann kann ich auch im Stuhl schlafen.“

 

„Es ist sehr schön, zu erleben, wie alle zusammenhalten“, so Silvia Rölz, die sich an die Herbergssuche der Weihnachtsgeschichte erinnert fühlt. In beiden Heimen haben sich spontan viele Haupt- und Ehrenamtliche für den Evakuierungseinsatz gemeldet. Ein positiver Nebenaspekt des Notfalls sei, so merkt Michaela Weber von der Betriebsleitung der Caritas-Heime an, dass sich so auch die Mitarbeiter verschiedener Heime kennenlernen und austauschen. „Das Zusammengehörigkeitsgefühl wächst.“

Kurz nach 19 Uhr machte am Sonntag die Nachricht, dass die Bombe entschärft sei, auch im Heim schnell die Runde. „Da wollten die Gäste möglichst schnell heim“, erzählt Susanne Jonas. Aber es habe noch etwas gedauert, bis die Busse bereitstanden und für die Abfahrt mit Rollstuhlfahrern fertig waren. Die müssen nämlich aufwendig im Fahrzeug gesichert werden. „Da war es wichtig, die Senioren bei Stimmung zu halten“, so Jonas, „wir haben sie mit Humor und Gesprächen abgelenkt“. Für die Phase der Abreise wurden nochmals Mitarbeiter, die in Bereitschaft waren, aktiviert. „Das war ein unvergessliches Weihnachtsfest“, hält sie als Fazit fest, „es ist schön zu sehen, wie viele Leute hilfsbereit sind, und auch, dass man gut organisiert ist und so was bewältigen kann“. Dies gilt auch für die anderen Helfer: Das Rote Kreuz im Landkreis mobilisierte 180 Freiwillige und schaffte es, 45 Fahrzeuge für die Transporte zu stellen. Laut Kreisbrandrat Alfred Zinsmeister waren 330 Aktive von 51 Landkreis-Feuerwehren im Einsatz, darunter auch aus Bobingen und Königsbrunn.

 

Viele kontrollierten die Evakuierung, zudem fuhren sie mit elf Lautsprecher-Fahrzeugen durch die Straßen und sorgten für die Durchsagen. Dabei hatten sich im Vorfeld sogar mehr Aktive als benötigt gemeldet. Aber man achtete auch darauf, dass in den Kommunen noch genügend Feuerwehrler für Notfälle präsent waren. (mit dav/elhö)

 

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