Die Feuerwehr rettet nicht nur, wenn’s brennt 06.09.2011

Die Feuerwehr rettet nicht nur, wenn’s brennt

So gut gesichert kann Redakteurin Sarah Wenger den Ausblick hoch oben auf der Drehleiter nicht gebührend genießen. Benjamin Carl (im Korb) würde im Ernstfall mit dem Patient sprechen und ihn beruhigen.

Die Feuerwehr rettet nicht nur, wenn’s brennt

Krankentransport aus bis zu 30 Meter Höhe möglich. Unsere Redakteurin hat es ausprobiert Von Sarah Wenger

Schwabmünchen Ein schwergewichtiger Patient klagt über Kreislaufbeschwerden. Er muss dringend ins Krankenhaus gebracht werden. Nur wie? Lebt er doch im dritten Stock eines Wohnblocks in Schwabmünchen. Auch in Fällen wie diesen rückt unter Umstünden die Freiwillige Feuerwehr aus.

Wenn Patienten zu schwer oder Treppenhäuser zu eng sind, kommt in Schwabmünchen das 600000 Euro teure Drehleiterfahrzeug der Wehr zum Einsatz. Es ermöglicht den Helfern, einen Patienten aus bis zu 30 Meter Höhe zu bergen. Auch die Freiwilligen Feuerwehren in Bobingen und Königsbrunn verfügen über ähnliche Drehleitern und entsprechende Ausrüstung, absolvieren jedes Jahr ähnliche Einsätze.

 

Die Drehleiter ist vielseitig einsetzbar, sagt Stefan Missenhardt, Zugführer bei der Schwabmünchner Wehr: „Wenn es einen Brand mit Personen gibt, rückt der Löschzug mit dem Drehleiterfahrzeug aus.“ Brennt beispielsweise ein Dachstuhl, können die Feuerwehrmänner das Wasser von oben auf die Stelle spritzen. Missenhardt: „Das entspricht einer riesigen Wasserwand, die sich über den Brand legt.“

Im Einsatz nach Unfall und bei Vermisstensuche

Dass die Drehleiter vielfältig nutzbar ist, zeigen auch Einsätze bei Tierrettungen, wie in Hiltenfingen, als ein Pferd eine Brücke verfehlt hat und im Bach gelandet ist. Kommandant Hubert Prechtl erzählt spektakuläre Geschichten: Ein Radfahrer musste aus einer Schuttgrube gerettet werden, weil er sich Arme und Beine gebrochen hatte.

Bei einem anderen Einsatz wurde ein Schwabmünchner aus einem Silo gezogen. Auch bei einer Vermisstensuche wird die Drehleiter benötigt: Von oben haben die Feuerwehrmänner einen Überblick über das Gelände und können von dort aus mit Ferngläsern und Wärmebildkameras nach Personen suchen.

Weil im Umkreis erst die Feuerwehren in Bobingen und in Buchloe wieder ein Drehleiterfahrzeug haben, ist das Einsatzgebiet der Schwabmünchner Retter entsprechend groß. Doch die Stadt Schwabmünchen braucht so oder so solch ein Gerät. Der Grund liegt im Baurecht: Häuser, die mit dem Erdgeschoss mehr als vier Stockwerke hoch sind, benötigen entweder ein zweites Treppenhaus oder aber eine Drehleiter.

Um das Fahrzeug steuern zu dürfen, ist eine spezielle Ausbildung nötig. In Schwabmünchen gibt es 18 bis 20 solcher Maschinisten, die gerade bei Krankentransporten immer öfter gefragt sind, sagt Prechtl und erklärt die Funktionsweise des Schwergewichts – allein die Leiter wiegt 15 Tonnen. Am Einsatzort sorgen die seitlichen Stützen für einen sicheren Stand des Fahrzeugs. Je nachdem, mit wie viel Mann der Korb besetzt ist, lässt sich die Drehleiter ausfahren. Es gilt: Je weniger Mann, desto mehr Meter.

Ein Feuerwehrmann übernimmt im Korb die Rolle des Seelsorgers

Gut für mich, denn ich darf in Begleitung von Benjamin Carl den Ausblick aus knapp 30 Metern über Schwabmünchen genießen. Erst lässt dieser allerdings zu wünschen übrig. Eingepfercht in die Krankentrage, lassen die engen, fest um meinen Körper gezurrten Gurte keine Bewegung zu. Den Kopf kann ich nur mühsam drehen. Mein Puls schlägt schneller.

Der Großteil der Patienten ist indieser Situation allerdings bewusstlos, berichtet Prechtl, viele andere hätten schlicht Angst. In diesem Fall übernimmt ein Feuerwehrmann die Rolle eines „Seelsorgers“. Er steht mit im Korb und beruhigt den Patienten bei der Fahrt nach unten.

Der Maschinist – bei dieser Demonstration Kommandant Prechtl – steuert unten auf dem Fahrzeug die Drehleiter über einen Computerbildschirm und zwei Joysticks an den Armlehnen. „Der Leiterfahrer steht sehr unter Druck“, erklärt er, „er hat eine große Verantwortung.“ Die meistert er perfekt.

Erleichtert atme ich auf, als der Korb unten ankommt und die Krankentrage auf dem Hof des Feuerwehrhauses abgesetzt wird

 

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