Dieses Buch lässt nichts anbrennen 27.11.2010

Dieses Buch läßt nichts anbrennen

Feurio! Es brennt.“ Prof. Dr. Walter Pötzl hat etwa eineinhalb Jahre in das neue Buch investiert. Foto: Marcus Merk

Dieses Buch lässt nichts anbrennen

Von Martin Deibl

 

Landkreis Augsburg Von Königsbrunn bis zum Lech braucht ein Fuhrwerk fast eine Stunde. Dort Wasser schöpfen und zurück in den Ort macht zwei bis drei Stunden. Die Anschaffung einer Löschmaschine bringe deshalb für die Gemeinde keinen Nutzen.

 

Wir schreiben das Jahr 1872. Das Bezirksamt Augsburg drängt darauf, dass die Kommunen Feuerspritzen anschaffen. Dafür haben die armen Königsbrunner wie so viele andere auch kein Geld. Es ist ein langer Kampf bis zum Kauf.

 

Auch andere Ortschaften scheuen die Kosten. Die Not war groß in diesen Jahren. Deuringen argumentierte mit „notorischer Mittellosigkeit". Hilfreich, wenn eine Adelsherrschaft in der Nähe war, wie etwa Schloss Hammel, Schloss Hainhofen, Schlossgut Hardt. Oder das Kloster Oberschönenfeld, wo die Nonnen ebenfalls eine Feuerspritze angeschafft hatten, wie auch der Abt des Klosters Thierhaupten.

 

Die Augen funkeln fast wie im Feuerschein, wenn Professor Dr. Walter Pötzl aus Neusäß aufmerksam macht auf viele interessante Stellen, die in seinem neuen Buch „Feurio! Es brennt." zu entdecken sind. Er hat vielleicht eineinhalb Jahre dran gearbeitet, im Staatsarchiv zwei umfangreiche Akten aus dem 19. Jahrhundert studiert, viele Festschriften durchgeblättert, die ihm der inzwischen Ehrenkreisbrandrat Georg Anzenhofer aus Welden in die Hand gedrückt hat und dann zusammen mit dem Ehrenkreisbrandmeister und Feuerwehrexperten Heinrich M. Rupp („Ohne ihn wäre das Buch ein Torso geworden") zusammengestellt.

 

Hilfreich war, dass der Historiker auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen konnte, den er vor allem für das Buch „Mörder, Räuber, Hexen" gehoben hatte. Dabei war ihm aufgefallen, dass es in den Akten oft um Brandschutz und die Gesetze drumherum ging.

 

Und so war dann die Idee geboren, die Geschichte der Feuerwehren im Landkreis zu ergründen. Das geht 500 Jahre zurück und ist einmalig für einen Landkreis, vermutet Pötzl. Gerade die Geschichten hinter der Geschichte machen die Entwicklung erleb- und erlesbar.

 

Unter Geschichte versteht Pötzl „nicht nur Kaiser, Könige und Kriege", wie man das in der Schule gelernt habe, sondern vor allem den Alltag der Leute. Dieser findet im Feurio-Buch seinen Niederschlag. Die Häuser mit Stroh gedeckt, im Ofen wurde verbotenerweise Flachs gedörrt, da war die Brandgefahr groß. Als es 1757 deswegen in Ustersbach brannte, wurde eine Bäuerin „wegen ihres begangnen Frevels und Unvorsichtigkeit, wodurch die Nachbarschaft in grösten Schaden hätte kommen können, mit fünf Gulden abgestraft".

 

Pötzl scheut nicht, dunkle Seiten der deutschen Geschichte zu beleuchten, die vor Feuerwehren nicht haltmachten. Sie wurden zur Hilfspolizei degradiert, Männer jüdischen Glaubens aus dem Dienst entfernt. Zitat: „Infolge der Gleichschaltung hatten bereits 1933 in Fischach drei Juden ihre Führungsposition aufgeben müssen, im Jahr darauf waren 32 Mann aus der Freiwilligen Feuerwehr ausgeschlossen worden."

 

Weil die meisten Männer im Krieg waren, wurden nicht nur Buben, sondern Frauen und Mädchen dienstverpflichtet - 98 im Februar 1943 etwa in Dinkelscherben. In Ellgau machten gerade 18 junge Frauen (in Männerhosen) ihre Prüfung für die „Notfeuerwehr", als Kinder sie zu einem echten Brand riefen. „Wir nahmen kurzerhand unsere Feuerwehrhelme ab und löschten mit denselbigen fachgerecht ohne Schlauch und Spritze mit dem Wasser aus dem Mühlbach."

Die Feuerwehren wurden an allen Ecken und Enden gebraucht. Die Kühlenthaler löschten bei der MAN in Augsburg, aber auch in München im Hotel Vierjahreszeiten und im Haus der deutschen Kunst.

 

Doch welche ist nun die älteste Wehr? Pötzl muss nicht lange überlegen: Eigentlich Thierhaupten, gegründet am 20. Dezember 1886. Sie hatte allerdings keinen Bestand, wurde 1874 erneut gegründet. Da waren die Wehren in Gersthofen (29. September 1869) und in Schwabmünchen (19. Oktober 1869) schon aus der Taufe gehoben.

 

Nur eines hat der 71 Jahre alte Historiker und Germanist Walter Pötzl auch im Zuge dieser Recherchen nicht geschafft. Wann wurden aus den Festjungfrauen Festdamen? „Ich habe nie rausgefunden, wann sich der Sprachgebrauch gewandelt hat", sagt er spitzbübisch lächelnd.

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